Es gibt in der Geschichte der Raumfahrt eine klare Zäsur: Das eine ist alles, was bisher unternommen wurde - und das andere ist eine bemannte Marsreise. Denn die ISS kreist "nur" in 400 Kilometern Höhe - im Notfall sind Astronauten in wenigen Stunden zurück auf der Erde (mittels angedockter Raumkapsel). Und auch Mond-Missionen dauerten bisher nur knapp zwei Wochen. Der weiteste Punkt, den Menschen je von der Erde entfernt waren, ist der Mond (bzw. dessen Umrundung) in rund 400.000 Kilometern Entfernung. Der Mars ist jedoch im günstigsten Fall 56 Millionen Kilometer entfernt, im ungünstigsten über 400 Millionen.
Diese Entfernungsdimension verändert alles. Sie macht aus einer technisch schwierigen Mission eine fundamental andere Art von Unternehmung: eine, bei der es keine Rettungsmission gibt, keine Nachlieferung, keine Entscheidung am Boden, die schnell genug käme, um im Notfall zu helfen. Eine Marsreise ist, in diesem präzisen Sinne, eine Mission ohne Ausstiegsoption - und daraus folgt eine Anforderungslogik, die jeden Aspekt der Planung durchdringt.
Bevor man über Anforderungen sprechen kann, muss man die physikalischen Randbedingungen verstehen, die keiner Verhandlung zugänglich sind.
Erde und Mars bewegen sich auf unterschiedlichen Umlaufbahnen um die Sonne. Ihre gegenseitige Entfernung schwankt daher enorm. Ein direkter Flug mit konstanter Beschleunigung wäre denkbar schnell, aber im Treibstoffverbrauch astronomisch - buchstäblich. Stattdessen nutzt die Raumfahrt die sogenannte Hohmann-Transferbahn: Das Raumschiff wird auf eine elliptische Bahn um die Sonne gebracht, die genau dort die Marsbahn kreuzt, wo der Mars zur richtigen Zeit steht. Diese Methode minimiert den Energiebedarf - aber sie kostet Zeit, typischerweise zwischen 6 und 9 Monaten für eine Strecke.
Das sogenannte Startfenster öffnet sich nur alle 26 Monate, wenn die Planetenkonstellationen stimmen. Wer dieses Fenster verpasst, wartet mehr als zwei Jahre auf die nächste Gelegenheit. Das gilt auch für den Rückflug: Ist die Crew auf dem Mars angekommen, muss sie warten, bis Erde und Mars erneut günstig zueinander stehen. Dieser Aufenthalt dauert je nach Missionsprofil 450 bis 550 Tage. Hinflug und Rückflug addieren weitere rund 400 Tage. Die Gesamtmission beläuft sich damit auf etwa 850 bis 950 Tage - rund zweieinhalb Jahre.
Diese Zahl ist keine Schätzung, die man durch bessere Technik beliebig verkürzen kann. Sie ist im Wesentlichen durch die Gesetze der Himmelsmechanik vorgegeben. Nukleare Antriebe könnten die Reisezeit auf Hinflug und Rückflug jeweils auf vielleicht drei bis vier Monate reduzieren - aber auch dann bleibt der Marsaufenthalt durch die Orbitalphysik erzwungen. Eine Gesamtmissionsdauer unter anderthalb Jahren ist mit realistischen Technologien kaum erreichbar.
Von allen Herausforderungen einer Marsreise ist die kosmische Strahlung das schwerwiegendste noch ungelöste Problem. Im Erdorbit schützt das Magnetfeld der Erde die Astronauten weitgehend. Auf dem Mars und vor allem im interplanetaren Raum dazwischen existiert dieser Schutz nicht.
Zwei Strahlungsquellen sind zu unterscheiden. Die galaktische kosmische Strahlung ist ein dauerhafter, unvermeidlicher Beschuss mit hochenergetischen Teilchen, die aus fernen Galaxien stammen. Sie durchdringen praktisch jede praktikable Abschirmung, ionisieren Zellen und schädigen die DNA. Eine Marsreise akkumuliert eine Strahlungsdosis, die das lebenslange Krebsrisiko eines Astronauten deutlich erhöht - nach aktuellen Schätzungen deutlich über den für Raumfahrer zulässigen Grenzwerten der NASA.
Noch gefährlicher sind solare Partikel-Emissionen: explosionsartige Ausbrüche auf der Sonnenoberfläche, die innerhalb von Stunden eine potenziell tödliche Strahlungsdosis ausstoßen können. Gegen diese Ereignisse kann man sich durch einen gut abgeschirmten Schutzraum im Raumschiff schützen - einen Bereich mit möglichst dichten Materialien ringsum, idealen Weise Wasservorräte oder andere Polymer-Verbindungen, die Strahlung besser absorbieren als Metall. Eine Frühwarnung von der Erde käme wegen der Kommunikationsverzögerung jedoch zu spät; das Schiff muss selbst über Messgeräte verfügen und die Crew muss eigenständig handeln können.
Auf der Marsoberfläche ist die Situation etwas besser als im freien Weltraum, aber immer noch weit gefährlicher als auf der Erde: Der Mars hat kein globales Magnetfeld, und seine dünne Atmosphäre absorbiert Strahlung nur minimal. Unterirdische Habitate oder zumindest dicke Materialschichten über den Aufenthaltsräumen sind auf der Marsoberfläche keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Die Forschung arbeitet an strahlungsresistenten Medikamenten und an verbesserten Abschirmmaterialien, doch ein vollständig befriedigender Schutz über die gesamte Missionsdauer ist bislang nicht gefunden.
Schwerelosigkeit fühlt sich im ersten Moment schwerelos an - im wörtlichen Sinne. Doch der menschliche Körper ist über Millionen Jahre Evolution auf Schwerkraft eingestellt. Schon nach wenigen Wochen in Mikrogravitation beginnen messbare physiologische Veränderungen, die bei langen Missionen zu ernsthaften Problemen werden.
Knochen verlieren pro Monat in Schwerelosigkeit etwa 1% bis 2% ihrer Dichte - der Körper baut Material ab, das er nicht mehr zu brauchen scheint. Muskeln, auch das Herzmuskelgewebe, schwächen sich ab. Das Gleichgewichtssystem verliert seine Referenz, die Flüssigkeitsverteilung im Körper verschiebt sich Richtung Kopf, was den Augeninnendruck erhöht und bei Langzeitmissionen nachweislich die Sehschärfe beeinträchtigt. Das Immunsystem zeigt veränderte Reaktionsmuster.
Auf dem Weg zum Mars und zurück, je rund sieben Monate, wäre die Crew in Schwerelosigkeit. Das Problem: Bei der Ankunft auf dem Mars müssen die Astronauten sofort leistungsfähig sein. Sie müssen den Lander bedienen, Systeme überprüfen, gegebenenfalls körperlich anspruchsvolle Aufgaben erledigen - und das nach Monaten des körperlichen Verfalls im Weltall.
Gegenmittel sind intensives, tägliches Training mit Widerstandsgeräten und Pharmaka, die den Knochenabbau verlangsamen. Diese Maßnahmen mildern den Verfall, verhindern ihn aber nicht vollständig. Konsequenter wäre künstliche Schwerkraft durch Rotation des Raumschiffs oder zumindest eines Teils davon. Rotiert ein Körper mit ausreichender Winkelgeschwindigkeit, entsteht durch die Zentrifugalkraft ein Effekt, der Schwerkraft imitiert. Technisch ist das lösbar - aber der Konstruktionsaufwand ist erheblich, und die notwendigen Rotationsdurchmesser für ein subjektiv angenehmes Schwerefeld sind groß. Bisher hat keine Raumfahrtbehörde eine solche Struktur gebaut.
Auf dem Mars besteht immerhin etwa 38% der Erdgravitation. Das ist besser als nichts, aber niemand weiß genau, was diese Teilgravitation über eineinhalb Jahre mit dem menschlichen Körper macht. Es gibt keinerlei Langzeiterfahrung damit.
Technik kann geplant werden. Menschen sind komplizierter.
Eine Marsreise bedeutet: vier bis sechs Personen, eineinhalb bis zwei Jahre in einem Raumschiff, dessen Wohnraum vergleichbar mit einem Kleinbus oder einer engen Hütte ist. Keine Privatsphäre, kein Ausweichen, keine frische Luft, kein Blick aus einem Fenster auf irgendwas außer dem Schwarz des Weltraums. Dazu die permanente, nie nachlassende Gewissheit, dass ein Systemfehler zum Tod führen kann.
Kommunikation mit der Erde ist physikalisch auf Textnachrichten und vorab aufgezeichnete Videos beschränkt. Die Signalverzögerung von bis zu 44 Minuten pro Hin- und Rückweg macht ein echtes Gespräch unmöglich. Familienmitglieder, Freunde, vertraute Stimmen - all das ist nicht erreichbar. Die Isolation ist absolut.
Studien aus der Antarktisforschung, aus U-Boot-Einsätzen und aus dem russischen Mars-500-Simulationsprojekt - wo sechs Probanden 520 Tage in einem simulierten Marsraumschiff verbrachten - zeigen: Menschen entwickeln unter solchen Bedingungen Monotonie, Schlafstörungen, Gereiztheit, Motivationsverlust, Konflikte innerhalb der Gruppe. Spannungen zwischen Besatzungsmitgliedern können sich hochschaukeln. Entscheidungen unter extremem Stress in einem kleinen Team ohne externe Kontrolle und ohne Rückzugsmöglichkeit sind eine ernsthafte Gefahr.
Die Lösung liegt in sorgfältiger Crew-Auswahl nach psychologischen Kriterien, in klaren Hierarchien und Konfliktlösungsprotokollen, in strukturiertem Tagesablauf und sinnhaften Aufgaben. Ein Psychologe, der aus der Ferne die Besatzung betreut und mit zeitverzögerter Kommunikation Unterstützung bietet, gehört zum Standardkonzept fast aller ernsten Missionsplanungen. Ob das ausreicht, ist offen. Es gibt keine wirkliche Probe für das Echte.
Auf der ISS ist medizinische Notversorgung bescheiden, aber Evakuierung möglich. Auf dem Mars nicht. Die Crew muss in der Lage sein, die gesamte medizinische Versorgung eigenständig zu leisten - für alle Besatzungsmitglieder, über zweieinhalb Jahre, einschließlich unvorhergesehener Ereignisse.
Das Spektrum möglicher medizinischer Probleme ist weit: Blinddarmentzündung, Zahninfektionen, Knochenbrüche, Nierensteine, psychische Krisen, Herzprobleme, Operationen. Auf einer Marsexpedition muss die Crew all das selbst behandeln können. Mindestens eine Person muss über ausgebildetes medizinisches Wissen verfügen; vorstellbar ist, dass mehrere Besatzungsmitglieder notfallmedizinisch qualifiziert sind.
Das Medikamentenlager muss auf 2,5 Jahre ausgelegt sein - ein logistisches Problem, denn viele Medikamente haben begrenzte Haltbarkeit. Die Marsumgebung mit ihren Temperaturschwankungen und der erhöhten Strahlungsbelastung kann die Stabilität von Pharmaka zusätzlich beeinträchtigen. Manche Missionspläne sehen einen kleinen Operationssaal und ein Miniaturlabor vor, das zumindest grundlegende Diagnostik ermöglicht.
Gleichzeitig ist die Strahlenbelastung selbst ein medizinisches Dauerproblem. Sie erhöht das Krebsrisiko, beeinträchtigt das Immunsystem und kann das Zentralnervensystem schädigen. Über den gesamten Missionszeitraum hinweg ist medizinische Überwachung und -dokumentation für alle Besatzungsmitglieder erforderlich.
Das Herzstück jedes Raumschiffs ist das Lebenserhaltungssystem - die Gesamtheit der Anlagen, die Atemluft, Trinkwasser, Temperatur und Druck im Lebensraum aufrechterhalten. Auf der ISS werden diese Systeme regelmäßig von der Erde aus mit Ersatzteilen versorgt, gewartet und notfalls ausgetauscht. Für eine Marsreise gibt es diese Option nicht.
Das bedeutet: alle kritischen Komponenten müssen mehrfach redundant ausgelegt sein. Ein einfacher Reservebehälter reicht nicht; es braucht vollständig unabhängige, parallel arbeitende Systeme, die im Falle eines Ausfalls automatisch oder manuell übernehmen können. Die CO₂-Abscheidung, die Sauerstoff-Erzeugung, die Wasseraufbereitung, die Wärmeregelung - jeder dieser Bereiche muss für 900 Tage betrieben werden können, unter Belastungen durch Strahlung, Temperaturschwankungen und mechanischen Verschleiß.
Wasser ist dabei ein Schlüsselelement in mehrfacher Hinsicht: Es wird zum Trinken benötigt, zur Hygiene, zur Sauerstoff-Erzeugung durch Elektrolyse und als Strahlungsabschirmung. Wasserkreisläufe müssen so effizient sein, dass praktisch kein Verlust entsteht - Urin, Schweiß, Atemfeuchte werden aufbereitet und wiederverwertet. Das klingt unappetitlich, ist aber Standardtechnologie auf der ISS und wird auf einer Marsreise konsequenter umgesetzt werden müssen.
Die Energieversorgung ist eine weitere kritische Variable. Solarenergie ist auf dem Mars möglich - die Sonnenintensität beträgt dort etwa 43% der Erdintensität - aber globale Staubstürme können die Solarstrom-Erzeugung über Wochen hinweg drastisch reduzieren. Nukleargeneratoren, sogenannte Radioisotopenthermogeneratoren (RTG) wie sie auch Curiosity und Perseverance nutzen, oder kleine Kernreaktoren sind die zuverlässigere Option, aber sie bringen ihre eigenen Anforderungen mit sich.
Das Landen auf dem Mars ist eine der kniffligsten Herausforderungen der gesamten Mission. Die Marsatmosphäre ist zu dünn, um große Lasten allein per Fallschirm zu bremsen - wie auf der Erde. Gleichzeitig ist sie dicht genug, um beim ungebremsten Eintritt durch Reibungswärme alles zu zerstören. Für leichte Sonden hat man kreative Lösungen gefunden: Airbags bei Pathfinder, die Sky-Crane-Methode bei Curiosity und Perseverance, bei der ein Schweber den Rover am Kran auf den Boden abließ.
Für ein bemanntes Raumschiff funktionieren diese Methoden nicht. Der Masse-Unterschied ist zu groß: Perseverance wog rund eine Tonne. Ein Marsraumschiff mit Crew, Versorgung und Rückflugtreibstoff würde Dutzende bis Hunderte Tonnen wiegen. Für eine so schwere Last gibt es noch keine erprobte Landetechnik. Es braucht leistungsstarke Triebwerke, die den Abstieg kontrolliert abbremsen, kombiniert mit einer Hitzeschutzschicht für den Atmosphäreneintritt und einem präzisen Navigations- und Steuersystem. Diese Kombination in der Marsatmosphäre zuverlässig zum Funktionieren zu bringen ist eines der größten ungelösten Probleme des gesamten Vorhabens - und es muss beim ersten Versuch funktionieren.
Astronauten auf dem Mars können sich nicht ungeschützt im Freien aufhalten. Die Atmosphäre ist giftig, der Druck zu niedrig zum Atmen, die Strahlung erhöht. Jede Aktivität außerhalb des Habitats erfordert einen Raumanzug.
Das Habitat muss hermetisch dicht sein, Druck halten, Strahlung abschirmen, Wärme regulieren und psychologisch bewohnbar bleiben. Mehrere Konzepte werden diskutiert: vorgefertigte, von der Erde mitgebrachte Module; aufblasbare Strukturen, die sich nach der Landung entfalten; oder langfristig unterirdische Anlagen, die durch die Marsregolith-Überdeckung natürlichen Schutz vor Strahlung und Temperaturschwankungen bieten. Die Kombination - ein vorgefertigtes Starthabitat, das nach und nach durch tiefere oder größere Strukturen ergänzt wird - erscheint am realistischsten.
Marsstaub ist eine besondere Heimtücke. Er ist extrem fein, elektrostatisch aufgeladen und haftet an allem. Er enthält Perchlorat, eine chemische Verbindung, die für Menschen toxisch ist. Raumanzüge, Schleusen und Luftfilter müssen so konstruiert sein, dass möglichst kein Staub in das Habitat gelangt.
Die Temperaturunterschiede auf dem Mars sind extrem: An einem Sommertag am Äquator können Temperaturen kurz über 0°C erreicht werden, nachts sinken sie auf minus 80°C und tiefer. An den Polen und im Winter sind Temperaturen bis minus 125°C möglich. Alle Materialien, alle Dichtungen, alle elektronischen Komponenten müssen diese Extreme über Jahre hinweg zuverlässig überstehen.
Globale Staubstürme sind ein weiteres Planungsproblem. Sie entstehen meist im marsianischen Sommer, wenn Temperaturunterschiede gewaltige Windströmungen erzeugen, die Staub in die Atmosphäre schleudern. Solche Stürme können den gesamten Planeten für Wochen bis Monate einhüllen, das Sonnenlicht dramatisch reduzieren und Solaranlagen auf einen Bruchteil ihrer Kapazität drosseln. 2018 überstand Opportunity einen globalen Sturm nicht - seine Solarplatten lieferten nicht mehr genug Energie, um die Batterie zu laden. Für eine bemannte Mission bedeutet das: Energie muss auch ohne Sonne zuverlässig verfügbar sein.
Wasser ist auf dem Mars vorhanden, aber nicht zugänglich wie auf der Erde. In den Polkappen liegt Wassereis, in den bodennahen Schichten an vielen Orten des Planeten gibt es unter der Oberfläche Eisvorkommen. Die Sonde Phoenix hat 2008 direkt gezeigt, dass bereits wenige Zentimeter unter der Oberfläche im Bereich der Arktis Wassereis liegt.
Für eine bemannte Mission muss dieses Eis gewonnen, geschmolzen, gereinigt und als Trinkwasser und Betriebsmittel aufbereitet werden. Die Technologie dafür - Bohrgeräte, Heizanlagen, Wasseraufbereitung - muss robust genug sein, um auch unter Marsbedingungen zuverlässig zu funktionieren. Und die Anlage muss idealerweise schon betrieben werden, bevor die Crew landet, damit bei der Ankunft gesicherter Zugang zu Wasser besteht.
Das vielleicht komplexeste logistische Problem der gesamten Mission ist der Rückflug-Treibstoff. Ein vollgetanktes Raumschiff für den Rückflug von der Erde mitzubringen ist kaum machbar - es würde die Startmasse ins Astronomische treiben. Die Lösung ist, den Treibstoff auf dem Mars herzustellen: *In-situ Resource Utilization*, kurz ISRU.
Das Prinzip ist grundsätzlich bekannt. Die Marsatmosphäre besteht zu 95% aus CO₂. Durch eine Reaktion mit mitgebrachtem Wasserstoff - oder durch Elektrolyse von aus dem Marsboden gewonnenem Wasser - lassen sich Methan und Sauerstoff herstellen, die als Raketentreibstoff dienen. Diese Reaktion, bekannt als Sabatier-Prozess, wird in kleinem Maßstab bereits auf der ISS eingesetzt und wurde erstmals von Perseverance in einem Experiment namens MOXIE auf dem Mars demonstriert: Das Instrument erzeugte tatsächlich Sauerstoff aus der Marsatmosphäre.
Für eine bemannte Mission müsste diese Technologie jedoch in industriellem Maßstab betrieben werden. Mehrere hundert Tonnen Treibstoff sind für den Rückflug erforderlich. Die ISRU-Anlage müsste also lange vor der Ankunft der Crew auf dem Mars betrieben werden und ihren Treibstoffspeicher füllen. Erst wenn diese Reserve gesichert ist, wäre es verantwortbar, Menschen zu schicken. Das bedeutet: Unbemannte Voraus-Missionen sind nicht wünschenswert, sondern zwingend.
Alle bisherigen Raumfahrtmissionen nutzten chemische Raketentriebwerke. Sie sind erprobt, zuverlässig und verhältnismäßig einfach zu konstruieren. Für eine Marsreise sind sie jedoch mit einem gravierenden Nachteil behaftet: dem schlechten Verhältnis zwischen Treibstoff und Nutzlast. Um ein schweres Raumschiff zum Mars zu beschleunigen und dort wieder abzubremsen, braucht man mit chemischen Antrieben enorme Treibstoffmengen - die wiederum das Schiff schwerer machen, was wieder mehr Treibstoff erfordert. Dieser Kreislauf, bekannt als Tsiokolvski-Tyrannei, ist das fundamentale Dilemma der Raketenphysik.
SpaceX begegnet diesem Problem mit der schieren Größe des Starship: ein Raumschiff, das als Oberstufe allein mehr als 1.200 Tonnen Treibstoff fasst und im Erdorbit von eigens dafür gestarteten Tankerschiffen aufgefüllt werden soll. Das ist technisch kein Selbstläufer - das In-Orbit-Tanken in dieser Größenordnung wurde noch nie demonstriert - aber es liegt im Rahmen des physikalisch Möglichen.
Die elegantere Lösung wären Kernantriebe. Ein nukleares Thermaltriebwerk heizt mit einem Kernreaktor Wasserstoff auf extrem hohe Temperaturen auf und stößt ihn als Reaktionsmasse aus. Das ergibt eine deutlich bessere spezifische Energie als chemische Triebwerke - gleichbedeutend mit kürzeren Reisezeiten oder geringeren Startmassen. Wernher von Braun plante 1969 genau damit, und die damals entwickelten NERVA-Triebwerke liefen erfolgreich auf dem Prüfstand. Nixon stoppte das Programm 1972.
Heute erleben Kernantriebe für die Raumfahrt ein Renaissance. NASA und DARPA haben unter dem Programm DRACO die Entwicklung eines nuklearen Thermaltriebwerks für Marsmissionen wieder aufgenommen. Das Prinzip ist das gleiche wie bei NERVA, aber mit modernerem Reaktordesign. Ein solches Triebwerk könnte die Reisezeit auf dem Hin- oder Rückweg auf 3 bis 4 Monate reduzieren - was die Strahlungsbelastung messbar senkt.
Noch ambitionierter sind Konzepte für nukleare Pulsantriebe oder Fusionsantriebe - beide würden noch kürzere Reisezeiten ermöglichen, sind aber auf absehbare Zeit noch nicht in den Bereich des Realisierbaren gerückt.
Wer auf den Mars fliegt, muss außergewöhnliche Qualifikationen mitbringen - und das nicht nur in einer Disziplin. Die ideale Marsbesetzung vereint Piloten- und Ingenieursqualifikation, medizinisches Wissen, geologische und biologische Feldforschungskompetenzen sowie psychologische Belastbarkeit und soziale Verträglichkeit unter Extrembedingungen.
Das klingt nach einer Person mit fünf Doktortiteln. In der Praxis bedeutet es: spezialisierte Expertise kombiniert mit Grundkenntnissen in den Fachgebieten der anderen. Jedes Besatzungsmitglied muss in einer Notlage die wesentlichen Aufgaben eines anderen übernehmen können. Redundanz gilt nicht nur für Technik, sondern auch für menschliches Wissen.
Sprachliche und kulturelle Faktoren spielen bei internationalen Missionen ebenfalls eine Rolle. Die Besatzung wird voraussichtlich multinational sein - allein schon, weil die Finanzierung und politische Unterstützung einer Marsreise international breit abgestützt sein muss. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und kultureller Prägung in einem engen Raum über zweieinhalb Jahre zu integrieren ist eine soziale Herausforderung, die in keiner Gleichung auftaucht, aber über Erfolg oder Scheitern mitentscheiden kann.
Die Kommunikationsverzögerung von bis zu 22 Minuten pro Richtung - also bis zu 44 Minuten für einen Austausch - hat eine Konsequenz, die alle anderen überlagert: Die Crew ist auf sich allein gestellt. Keine Bodenstation kann in einem Notfall in Echtzeit beraten, anweisen oder eingreifen. Jede technische Störung, jede medizinische Krise, jede unerwartete Situation muss die Crew eigenständig bewältigen.
Das stellt enorme Anforderungen an Ausbildung, an Entscheidungsverfahren und an die an Bord verfügbaren Informationssysteme. Umfangreiche Datenbanken, KI-gestützte Diagnosesysteme und detaillierte Notfallhandbücher für jeden denkbaren Fehlerfall gehören heute schon zum Planungsstandard. Aber kein Handbuch kann jeden Fall abdecken. Improvisation unter Druck, mit begrenzten Mitteln, weit von der Erde entfernt - das ist die menschliche Kernkompetenz, die eine Marsbesatzung mitbringen muss.
SpaceX verfolgt mit seinem Starship-Raumschiff den derzeit ambitioniertesten Ansatz. Das Fahrzeug ist für genau diese Anforderungen konzipiert: vollständig wiederverwendbar, in der Lage, massive Nutzlasten in den Erdorbit zu bringen und von dort nach Mars zu fliegen. Im Februar 2026 verschob das Unternehmen seine Marsplanung um mehrere Jahre, um sich auf das NASA-Artemis-Mondprogramm zu konzentrieren, für das Starship als Mondlandefähre ausgewählt wurde. Realistische erste unbemannte Marsflüge sind in den frühen bis mittleren 2030er Jahren zu erwarten.
Die amerikanische Weltraumbehörde verfolgt eine Stufenstrategie: zunächst Rückkehr auf den Mond mit Artemis, dann Nutzung der dort gesammelten Erfahrungen für eine spätere Marsreise. NASA entwickelt im Rahmen von DRACO zusammen mit DARPA ein nukleares Thermaltriebwerk, das die Reisezeit zum Mars verkürzen soll. Einen festen Zeitplan für eine bemannte Marsreise gibt es bei NASA nicht.
China hat die konkretesten Zeitpläne: Tianwen-3, eine unbemannte Probenrückkehrmission, soll 2028 starten. Für bemannte Missionen sind Startfenster ab 2033 vorgesehen. China hat in den letzten Jahren mehrfach gezeigt, dass es Raumfahrtpläne tatsächlich umsetzt - was diese Ankündigungen glaubwürdiger macht als bei anderen Akteuren.
Die Europäische Weltraumagentur setzt auf Partnerschaften und wissenschaftliche Spezialisierung. Der Rosalind-Franklin-Rover soll 2028 mit einer SpaceX Falcon Heavy starten und als erster Rover gezielt unter der Marsoberfläche nach Lebenszeichen suchen. Für bemannte Missionen will die ESA als internationaler Partner auftreten, aber keine eigenständige Marskapazität entwickeln.
Betrachtet man alle beschriebenen Anforderungen zusammen - Strahlungsschutz, Mikrogravitation, Psychologie, Lebenserhaltung, Landung, Habitat, Wassergewinnung, Treibstoffproduktion, medizinische Versorgung, autonome Entscheidungsfähigkeit - so wird deutlich, dass eine bemannte Marsreise nicht an einer einzelnen technischen Lösung scheitert oder gelingt. Sie ist die Gleichzeitigkeit aller dieser Lösungen, zuverlässig über zweieinhalb Jahre, ohne Sicherheitsnetz.
Das ist keine Unmöglichkeit. Es ist eine außerordentlich schwierige Ingenieurs- und Planungsaufgabe, bei der alles, was in der Raumfahrt jemals gelernt wurde, zusammenfließen muss. Wenn es gelingt, wird es die komplexeste und bedeutendste Unternehmung sein, die die Menschheit je in Angriff genommen hat.