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Wirtschaftliche Resilienz

Resilienz ist keine statische Eigen­schaft, die man ein­malig er­wirbt, sondern eine dyna­mische Kapazi­tät, die kontinu­ier­lich ge­pflegt, ange­passt und weiter­entwickelt werden muss. Sie ent­steht auf der Ebene des Einzel­betriebs durch finan­zielle Puffer, kluge Diversi­fika­tion, technolo­gische Anpassungs­fähigkeit, investier­tes Human­kapital und ein lebendi­ges Netz­werk von Bezie­hun­gen. Sie ent­steht auf volks­wirt­schaft­li­cher Ebene durch struktu­relle Branchen­viel­falt, stabile Institu­tionen, strate­gische Autono­mie in Schlüssel­bereichen, Investi­tio­nen in Bildung und Innova­tion, soziale Kohäsion und einge­bette­te inter­nationale Koopera­tion.

Wirtschaftliche Resilienz - die Fähigkeit, Schocks, Krisen und struktu­relle Verände­run­gen nicht nur zu über­stehen, sondern ge­stärkt aus ihnen hervor­zugehen - ist in einer zu­nehmend volatilen Welt zu einem zentra­len Konzept ge­worden. Die COVID-19-Pandemie, Liefer­ketten­krisen, der Krieg in der Ukraine, Energie­preis­schocks und der struktu­relle Wandel durch Digita­lisie­rung und Dekarboni­sie­rung haben schonungs­los offen­gelegt, welche Unter­neh­men und Volkswirt­schaften wirk­lich robust auf­ge­stellt sind und welche nicht. Dabei zeigt sich: Resilienz ist keine Eigen­schaft, die man ent­weder hat oder nicht hat. Sie ist das Ergebnis bewusster strategischer Entscheidungen - auf der Ebene des Einzelbetriebs ebenso wie auf der Ebene ganzer Volkswirt­schaften.

Teil I: Resilienz im Einzelbetrieb

Finanzielle Puffer als Fundament

Die erste und vielleicht offensicht­lichste Grund­lage betrieb­li­cher Resilienz ist finan­zielle Stabi­lität. Unter­neh­men, die über aus­reichend Eigen­kapital, Liquiditäts­reserven und einen gesunden Ver­schuldungs­grad verfügen, können Umsatz­einbrüche über­brücken, ohne sofort in existen­zielle Not zu geraten. Die betriebs­wirt­schaft­liche Litera­tur spricht hier von „financial slack“ - einem bewusst ge­haltenen Puffer, der im Normal­fall ineffi­zient er­scheint, in Krisen­zeiten aber über­lebens­entschei­dend sein kann.

Viele mittelständische Familienunter­nehmen, insbeson­dere in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz, haben dieses Prinzip über Jahr­zehnte kulti­viert. Sie verzich­teten auf maximale Ausschüt­tun­gen und hielten statt­dessen stille Reserven. Während der Pandemie er­wiesen sich solche Unter­neh­men häufig als deut­lich widerstands­fähiger als börsen­notierte Konzerne, die unter dem Druck kurz­fristiger Gewinn­maximie­rung ihre Eigen­kapital­polster aus­ge­dünnt hatten.

Doch finanzielle Resilienz bedeutet nicht bloßes Horten von Kapital. Sie um­fasst auch den Zugang zu diversi­fi­zierten Finan­zierungs­quellen - Kredit­linien, Förder­programme, Eigen­kapital­geber - sowie das aktive Manage­ment von Währungs-, Zins- und Liquidi­täts­risiken. Ein Unter­neh­men, das seinen gesamten Finan­zierungs­bedarf über eine einzige Bank oder einen einzi­gen Inves­tor ab­wickelt, hat eine struktu­relle Schwach­stelle einge­baut, die in ruhigen Zeiten unsicht­bar bleibt.

Diversifikation: Produkte, Märkte, Kunden

Ein weiterer zentraler Baustein ist die Diversifi­ka­tion - sowohl auf der Absatz- als auch auf der Be­schaffungs­seite. Das Prinzip ist einfach: Wer von einem einzi­gen Produkt, einem einzigen Markt oder einem einzi­gen Kunden abhängt, ist maximal verletz­lich. Ein Automobil­zulieferer, der zu 80% seines Umsatzes von einem einzi­gen OEM abhängt, ist nicht ein Unter­neh­men mit einem Groß­kunden - er ist ein ver­länger­ter Betriebs­teil dieses Groß­kunden, mit allen Risiken, aber ohne die Sicher­hei­ten eines ange­stellten Mitarbei­ters.

Kluge Diversifikation bedeutet dabei nicht wahl­lose Streuung. Es geht darum, Kern­kompeten­zen in mehrere Rich­tun­gen zu ver­längern. Ein Unter­neh­men, das hoch­präzise Metall­teile für die Automobil-Industrie fertigt, kann die­selben Kompe­tenzen in der Luft- und Raum­fahrt, der Medizin­technik oder der Energie­technik ein­setzen. So ent­steht ein Port­folio, bei dem Branchen­zyklen sich nicht synchron be­wegen - wenn die Automobil­indus­trie stag­niert, boomt möglicher­weise die Medizin­technik.

Auf der Beschaffungsseite hat die Pandemie die Risi­ken von Just-in-time-Produk­tion mit hoch konzen­trier­ten Liefer­ketten brutal sicht­bar ge­macht. Herstel­ler, die aus Kosten­gründen auf Single Sourcing ge­setzt hatten - also auf genau einen Lieferan­ten pro Kompo­nente - standen plötz­lich vor leeren Lagern. Die Ant­wort der resiliente­ren Unter­neh­men war nicht die Rück­kehr zu ineffi­zienten Über­lagern, sondern ein intelli­gentes Dual- oder Multi-Sourcing: zwei oder drei quali­fizierte Lieferan­ten je Schlüssel­komponen­te, geo­grafisch ver­teilt, mit unterschied­li­chen Risiko­wetterprofilen.

Adaptionsfähigkeit

Resilienz ist nicht nur Verteidigung gegen Schocks - sie ist auch die Fähig­keit zur struktu­rellen Anpas­sung. Unter­neh­men, die früh in digi­tale Infra­struktur, Automa­tisie­rung und daten­getriebene Prozesse inves­tiert haben, konnten in der Pandemie schnel­ler auf Remote-Arbeit um­stellen, Liefer­ketten­probleme früher erkennen und Kunden­verhalten besser antizi­pieren.

Technologische Resilienz beginnt mit einer ehr­li­chen Be­stands­aufnahme: Welche Prozesse sind noch voll­ständig analog und damit an­fällig? Welche Systeme sind so alt, dass sie bei einem Ausfall nicht mehr zu er­setzen wären? Welche Fähig­kei­ten - Data Analytics, Cyber-Security, KI-gestützte Planung - fehlen noch im Unter­neh­men? Die Antworten darauf bilden die Grundlage einer Investi­tions­strate­gie, die nicht primär auf Effi­zienz­gewinne, sondern auf Risiko­minimie­rung aus­gerich­tet ist.

Besonders wichtig ist dabei die Frage nach der digitalen Souveränität. Unter­neh­men, die kri­tische Geschäfts­prozesse voll­ständig auf Platt­formen eines einzi­gen Anbieters aus­gelagert haben - sei es in der Cloud, im Zahlungs­verkehr oder in der Logistik-Software - haben neue Abhängig­kei­ten geschaf­fen. Echte technolo­gische Resilienz erfordert Inter­operabi­lität, offene Schnitt­stellen und die Fähig­keit, im Not­fall auf alter­native Systeme aus­zuweichen.

Humankapital und Organisation

Menschen sind der am stärksten unterschätzte Resilienz­faktor. Unter­neh­men mit einer Beleg­schaft, die viel­seitig quali­fiziert ist, die Ver­antwor­tung über­nimmt und die in der Lage ist, sich schnell auf neue Aufgaben ein­zustellen, sind in Krisen erheb­lich agiler als Unter­neh­men mit starren Job­profilen und hierar­chischen Ent­scheidungs­strukturen.

Das beginnt bei der Rekrutierung - Kandidaten, die in ver­schie­denen Kontexten ge­arbeitet haben, die mehrere Sprachen sprechen, die aus unter­schied­li­chen Diszi­plinen kommen - und setzt sich in der Weiter­bildung fort. Unter­neh­men, die kontinuier­lich in die Qualifika­tion ihrer Mitarbei­ter inves­tieren, bauen ein Human­kapital­polster auf, das in guten Zeiten un­sicht­bar ist, in Krisen­zeiten aber enorme Flexibi­litäts­gewinne ermöglicht.

Noch tiefer geht die Frage der Unter­neh­menskultur. Resilienz er­fordert eine Kultur, in der Fehler als Lern­chancen gelten, in der Mitarbei­ter Probleme offen an­sprechen, bevor sie eskalie­ren, und in der Quer­denken und Dissens nicht unter­drückt, sondern als Frühwarn­system genutzt werden. Die Unter­neh­mens­forschung bezeichnet dies als „organisa­tionale Ambidextrie“ - die Fähig­keit, gleich­zeitig das be­stehen­de Geschäft zu opti­mieren und neue Mög­lich­kei­ten zu er­kunden. Diese Doppel­fähig­keit ist der viel­leicht nach­haltigste Resilienz­faktor überhaupt.

Vernetzung

Kein Unternehmen ist eine Insel. Betrieb­liche Resilienz ent­steht auch durch die Quali­tät der Bezie­hungen zu Liefe­ranten, Kunden, Forschungs­einrich­tun­gen und lokalen Institu­tionen. Unter­neh­men, die in einem funktionierenden wirt­schaft­li­chen Ökosystem ver­wurzelt sind - die Informa­tio­nen teilen, gemein­sam forschen, Aus­bildungs­koopera­tio­nen pflegen und in Ver­bänden aktiv mit­arbeiten -, haben in Krisen­zeiten Zugang zu einem infor­mellen Unter­stützungs­netzwerk, das in keiner Bilanz auf­taucht, aber von unschätz­barem Wert ist.

Die Resilienz eines einzelnen Betriebs ist also nicht iso­liert zu be­trach­ten. Sie hängt auch davon ab, wie stabil das Öko­system ist, in dem das Unter­neh­men agiert - was uns direkt zur zweiten Ebene führt: der nationalen Resilienz.

Teil II: Wirtschaftliche Resilienz auf nationaler Ebene

Diversität der Volkswirt­schaft

Was auf Unternehmensebene für Produkte und Märkte gilt, gilt auf Volkswirt­schafts­ebene für Branchen und Sektoren: Diversi­tät schützt. Volks­wirt­schaften, die stark auf einen einzigen Sektor konzen­triert sind - Öl- und Gasstaaten wie Venezuela oder Nigeria, Tourismus­ökonomien wie Griechen­land in den 2000er Jahren oder Maldiven - sind propor­tio­nal zu ihrer Konzen­tra­tion ver­letzlich.

Die wirtschaftliche Diversifika­tion eines Landes ent­steht nicht von selbst. Sie ist das Ergeb­nis von Bildungs­poli­tik, Industrie­poli­tik und institutio­nellem Kapital, das über Jahr­zehnte aufgebaut wird. Deutsch­land ist ein gutes Beispiel für eine hoch­diversi­fizierte Industrie­ökonomie: Auto­mobil­bau, Maschinen­bau, Chemie, Pharma­indus­trie, Medizin­technik, Logis­tik und ein starker Mittel­stand in Hunderten von Nischen­märkten bilden gemeinsam ein Port­folio, dessen Sektoren nicht synchron zyklisch sind. Die Schwäche der deut­schen Resilienz zeigte sich dennoch in einer anderen Dimension: der geografischen und energe­ti­schen Abhängig­keit, auf die wir zurück­kommen.

Institutionelle Stabilität

Eine der robustesten Erkenntnisse der Wirt­schaftswissen­schaft ist, dass Institu­tio­nen lang­fristig wichti­ger sind als natür­liche Ressourcen oder geo­grafische Lage. Länder mit starken, unabhängi­gen Institu­tio­nen - Rechtsstaat, unabhängige Zentral­banken, funktio­nierende Parlamente, unab­hängige Medien, transpa­rente Büro­kratie - erholen sich von wirt­schaft­li­chen Schocks schneller und voll­ständi­ger als Länder mit schwachen oder korrum­pier­ten Insti­tu­tionen.

Das liegt an mehreren Mechanismen. Erstens schaffen verläss­liche Institu­tio­nen Planungssicher­heit für Investo­ren, was die private Investi­tions­tätig­keit auch in unsiche­ren Zeiten auf­recht erhält. Zweitens ermög­li­chen sie staat­li­ches Handeln, das auf breiter Legitimi­tät beruht - Rettungs­programme, Konjunktur­pakete und Struktur­reformen werden leichter akzep­tiert und besser umge­setzt, wenn Bevölke­rung und Wirt­schaft dem Staat grundsätz­lich vertrauen. Drittens verhindern sie, dass Krisen durch Korruption, Vetternwirt­schaft oder poli­tische Instru­mentalisie­rung verschärft werden.

Die Institutionalisie­rung von anti-zykli­scher Fiskalpoli­tik ist dabei ein beson­ders wichti­ges Instru­ment. Länder, die in guten Zeiten Haus­halts­disziplin geübt haben - die Schulden­bremse in Deutsch­land und der Schweiz, der Sovereign Wealth Fund in Norwegen - hatten in der Pandemie erheb­lich mehr fiskali­schen Spiel­raum, um groß­zügige Stabili­sierungs­programme auf­zulegen. Länder, die gute Zeiten für schulden­finanzier­te Aus­gaben ge­nutzt hatten, standen hin­gegen mit dem Rücken zur Wand.

Strategische Autonomie

Die letzte Dekade hat eine fundamentale Neubewer­tung globa­ler Interdependenz ausge­löst. Was lange als Effizienz­gewinn durch inter­natio­nale Arbeits­tei­lung galt, erwies sich in zahl­reichen strate­gischen Bereichen als gefähr­liche Abhängig­keit. Europas Abhängig­keit von russi­schem Gas, die Abhängig­keit west­li­cher Volks­wirt­schaf­ten von asia­ti­schen Halb­leitern, die Konzen­tra­tion pharma­zeu­ti­scher Wirk­stoff­produk­tion in China und Indien - all das wurde zur sicher­heitspoli­ti­schen Verwund­barkeit.

Das Konzept der „strategischen Autonomie“ - die Fähig­keit, in kri­ti­schen Bereichen eigen­ständig handeln zu kön­nen - ist daher ins Zentrum wirt­schafts­poli­ti­scher Debatten gerückt. Es geht dabei nicht um eine Rückkehr zum Protektio­nismus oder zur Autarkie, sondern um eine differen­zierte Analyse: In welchen Bereichen ist Abhängig­keit akzep­tabel, weil das Risiko eines Ver­sorgungs­ausfalls gering oder die Kosten der Diversifika­tion prohibitiv sind? Und in welchen Berei­chen ist Abhängig­keit strate­gisch inakzep­tabel, weil ein Ver­sorgungs­ausfall existen­zielle Konse­quenzen hätte?

Die Antwort auf diese Frage hat zu einer Welle industrie­poli­ti­scher Initia­tiven ge­führt: der CHIPS Act in den USA, die European Chips Initia­tive, die Förde­rung heimi­scher Batterie­zell­produktion, die Diversifika­tion von Gas­importen. Diese Poli­tik ist teuer und wider­spricht kurz­fristiger Effizienz­logik. Ihre Recht­ferti­gung liegt in einer anderen Logik: der Versiche­rungs­logik. Resiliente Volkswirt­schaften akzep­tieren höhere laufen­de Kosten im Tausch gegen die Absiche­rung gegen katastro­phale Risiken.

Bildung, Forschung, Innovation

Langfristige wirtschaft­liche Resilienz eines Landes hängt ent­scheidend von seiner Fähig­keit ab, sich strukturell an­zupas­sen - und diese Fähig­keit wurzelt in Bildung und Innovation. Länder, die kontinuier­lich in Grund­lagen­forschung, angewandte Wissen­schaft und Bildung inves­tieren, erzeugen einen Strom von Innova­tionen, der struktu­rellen Wandel antizi­piert statt ihm hilf­los gegen­über­zustehen.

Die Gefahr ist hier die sogenannte struktu­relle Hysterese: Wenn ein Land ver­säumt, recht­zeitig in zukunfts­fähige Bereiche zu inves­tieren, ent­stehen Pfad­abhängig­keiten, die immer schwerer zu über­winden sind. Das Ruhr­gebiet ist ein Lehr­beispiel dafür, wie eine Region, die zu lange an einer aus­laufen­den Industrie fest­hielt und gleich­zeitig zu wenig in Bildung und Infra­struk­tur für neue Branchen inves­tierte, Jahr­zehnte braucht, um sich zu regene­rieren. Die Resilienz­frage lautet also nicht nur: Wie schnell er­holt sich ein Land von einem Schock? Sondern auch: Wie gut bereitet es sich auf den nächs­ten struktu­rellen Wandel vor?

Ein besonderer Aspekt ist die Ausbildungs­kapazi­tät für digi­tale und tech­nolo­gische Kompeten­zen. Länder wie Finn­land, Est­land oder Singapur haben früh­zeitig erkannt, dass die Wett­bewerbsfähig­keit der Zukunft in digitaler Infrastruk­tur und digitalem Human­kapital liegt. Ihr Vorsp­rung in diesen Bereichen ist heute ein erheb­li­cher Resilienz­faktor.

Soziale Kohäsion

Resilienz hat auch eine gesell­schaft­liche Dimen­sion, die in rein ökono­mischen Analysen oft unterschätzt wird. Gesell­schaf­ten mit hohem sozia­len Ver­trauen - in andere Menschen, in Institu­tionen, in die Poli­tik - bewältigen Krisen schneller und mit geringeren dauerhaften Schäden. Sie können schneller kollektive Lösungen mobilisieren, erleiden weniger soziale Des­integra­tion und neigen weniger zu poli­ti­schen Destabili­sierun­gen, die wirt­schaft­liche Krisen ver­längern.

Umgekehrt können wirtschaft­liche Krisen soziale Kohäsion zer­stören - was dann seiner­seits die wirt­schaft­liche Erho­lung hemmt. Dieser Teufels­kreis ist aus der Ge­schichte der Weltwirt­schaftskrise der 1930er Jahre bekannt: wirt­schaft­liche Misere, Erosion des sozialen Vertrauens, Aufstieg populis­ti­scher und extremis­ti­scher Bewegungen, poli­tische Instabili­tät, und daraus resultie­rend noch größere wirt­schaft­liche Un­sicherheit.

Soziale Sicherungssysteme - Arbeitslosen­versiche­rung, Kurz­arbeiter­geld, Gesundheits­versorgung, staat­liche Renten­versiche­rung - sind in diesem Licht nicht nur sozialpoli­tische Instrumente, sondern wirt­schaft­liche Resilienz­puffer. Sie stabili­sieren die Konsum­nachfrage in Krisen, ver­hindern soziale Desintegra­tion und ermög­li­chen es Men­schen, Risiken ein­zugehen - Unter­nehmer­tum, Weiter­bildung, Job­wechsel - weil sie wissen, dass ein sozia­les Netz exis­tiert, das sie im Fall des Scheiterns auf­fängt.

Internationale Einbettung

Schließlich ist wirtschaftliche Resilienz auf natio­na­ler Ebene un­trenn­bar mit inter­natio­naler Koopera­tion ver­bunden. Kein Land der Welt ist groß und selbst­versor­gend genug, um alle Risiken durch interne Puffer abzu­federn. Regionale Wirt­schafts­räume wie die Europä­ische Union bieten den Mitglieds­ländern erheb­liche Resilienz­gewinne: einen gemein­samen Binnen­markt, der die Diversi­fika­tion der Wirt­schafts­beziehun­gen erleich­tert; gemein­same Institu­tio­nen wie die EZB, die in Finanz­krisen als Lender of Last Resort fungie­ren kann; und kollek­tive Ver­handlungs­macht gegen­über dritten Akteu­ren.

Die Schuldenkrise von 2010 - 2015 hat gezeigt, dass die Euro­zone in ihrer ur­sprüng­li­chen Konstruk­tion erheb­liche Resilienz­lücken aufwies - keine gemein­same Fiskal­kapazität, kein gemein­sames Einlagen­sicherungs­system, asymmetri­sche Schock­verarbeitung. Die Reformen seitdem - ESM, Bankenunion, und insbeson­dere der NextGeneration­EU-Fonds als erster Schritt zur ge­meinsamen Fiskal­poli­tik - haben diese Lücken teil­weise ge­schlos­sen. Voll­ständig ge­löst ist das Problem noch nicht.

Teil III: Das Zusammenspiel beider Ebenen

Mikro und Makro in Abhängigkeit

Betriebliche und volkswirt­schaft­liche Resilienz sind nicht unabhän­gig von­ein­ander. Resiliente Einzel­unter­nehmen tragen zur Stabili­sie­rung der Gesamt­wirt­schaft bei, indem sie in Krisen weniger Entlassungen vornehmen, Investi­tio­nen aufrecht­erhalten und ihre Liefer­ketten weniger abrupt unter­brechen. Umgekehrt schafft eine resiliente Volkswirt­schaft - mit stabilen Insti­tu­tionen, guten Infra­struk­turen und verläss­li­chen Sicherungs­syste­men - das Umfeld, in dem Unter­neh­men über­haupt erst resilient werden können.

Diese Wechselwirkung ist besonders bei kleinen und mittle­ren Unter­neh­men aus­geprägt. Ein Mittel­ständler in einem Land mit exzellen­tem Bildungs­system hat einfache­ren Zugang zu qualifi­zierten Mitarbei­tern. Ein Unter­neh­men in einer Region mit dichter Forschungs­infrastruk­tur kann leichter Innova­tionspartner­schaften ein­gehen. Ein Expor­teur in einer Volks­wirt­schaft mit stabiler Wäh­rung und verläss­li­cher Außen­wirt­schafts­poli­tik kann lang­fristi­ger planen.

Was Politik leisten kann und was nicht

Die Analyse beider Ebenen führt zu einer differen­zier­ten Bewer­tung staat­li­cher Resilienz­poli­tik. Der Staat kann und soll Rahmenbedin­gun­gen setzen, die betrieb­liche Resilienz begünsti­gen: durch steuer­liche Anreize für Eigen­kapital­bildung, durch Förder­programme für Weiter­bildung und Digitali­sierung, durch Investi­tio­nen in Infra­struktur und Bildung, und durch eine kohärente Indus­triepoli­tik in strate­gisch relevan­ten Bereichen.

Was der Staat nicht leisten kann und nicht sollte, ist, einzelne Unter­neh­men vor den Konse­quenzen unter­nehme­rischer Fehl­entschei­dungen dauer­haft zu be­wahren. Resilienz ist nicht das­selbe wie Risiko­vermei­dung durch staat­liche Garantien. Ein System, in dem Unter­neh­men wissen, dass sie im Miss­erfolgs­fall gerettet werden - too big to fail - setzt perverse Anreize und unter­gräbt lang­fristig die wirt­schaft­liche Vitali­tät, die echte Resilienz erst er­möglicht.

Das Verbindende beider Ebenen ist eine fundamen­tale Ein­sicht: Resilienz kostet etwas. Sie er­fordert Investi­tionen, die in guten Zeiten wie Ineffizienz oder Über­kapa­zität aus­sehen. Sie er­fordert eine Bereit­schaft, kurz­fristige Effizienz­gewinne zu­gunsten lang­fristiger Robust­heit zu opfern. Und sie er­fordert das institu­tio­nelle Gedächt­nis - in Unter­neh­men wie in Gesell­schaften -, dass Schocks immer wieder­kehren, dass Krisen selten ankündi­gen und dass die einzige nach­haltige Ant­wort auf diese Unge­wiss­heit eine voraus­schau­ende Stär­kung der eigenen Wider­standsfähig­keit ist. In einer Welt, die volatiler, ver­netzter und weniger vor­herseh­bar ge­worden ist, ist wirt­schaft­liche Resilienz nicht mehr eine Option, sondern eine strate­gische Not­wendig­keit.


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