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Teilqualifizierung statt Umschulung?

Ein pragmatischer Weg aus dem Fachkräftemangel

Deutschland steht vor einem struktu­rellen Dilemma: Einerseits sind Hundert­tausende Menschen arbeitslos oder gering­qualifiziert be­schäf­tigt, anderer­seits fehlen in immer mehr Branchen dringend benötigte Fachkräfte. Der demografische Wandel verschärft diese Lage - mit dem Renteneintritt der Boomer-Genera­tion verlässt eine ganze Genera­tion erfahrener Arbeitnehmer den Markt. Die klassi­sche Antwort auf dieses Problem war lange Zeit die Umschulung: eine voll­ständige beruf­liche Neuorientie­rung über zwei bis drei Jahre. Doch ein jünge­res, flexible­res Instrument ge­winnt zu­nehmend an Bedeu­tung: die Teil­qualifi­zie­rung (TQ). Sie ver­spricht, Menschen schneller und ziel­genauer in Beschäfti­gung zu bringen. Doch ist sie wirk­lich ein über­legener Weg - oder nur ein be­quemer Kompromiss?

Was ist eine Teilqualifizierung?

Teilqualifikationen sind einzelne Lern­bausteine, die jeweils einen be­stimmten Teil eines an­erkannten Ausbildungs­berufs ab­decken - orientiert an dem, was im Berufs­alltag tat­sächlich gebraucht wird.

Viele An- und Ungelernte verfügen bereits über berufs­relevante Kompe­tenzen - nur fehlt oft der formale Nach­weis. Die Industrie- und Handels­kammern (IHKs) unter­stützen Unter­neh­men dabei, diese Kompeten­zen sicht­bar zu machen: Am Ende jeder Teil­qualifika­tion steht eine standardi­sierte Kompetenz­feststellung.

Die Stärken des Modells

Das überzeugendste Argument für die Teilquali­fizie­rung ist ihre Effizienz. Eine zwei- bis sechs­monatige Teil­qualifizie­rung führt in 72% der Fälle zu einem erfolg­reichen Job­einstieg und hat damit die beste Kosten-Nutzen-Bilanz aller Weiter­bildungs­angebote. Eine Studie der Bertelsmann-Stif­tung bestätigt dies: Rund 12 Monate nach Abschluss einer TQ sind bereits 72% der Arbeit­nehmer in einem Beschäfti­gungs­verhält­nis - ähn­lich viel­verspre­chend wie nach einer zwei­jährigen Um­schulung, aber in einem Bruch­teil der Zeit.

Hinzu kommt ein finanzieller Effekt für die Be­troffenen selbst: Mit Blick auf das Einkommen ist ein nach­geholter Berufs­abschluss beson­ders lukrativ, und auch die Volkswirt­schaft profitiert: Die Erwerbs­quote bei Spät­ausgebil­deten liegt im Alter von 60 Jah­ren noch bei über 85%, bei Ungelern­ten in diesem Alter rund 10% niedriger.

Die Teilqualifizierung erreicht außerdem Bevölke­rungs­gruppen, die von herkömm­li­chen Bildungs­wegen systema­tisch aus­geschlossen werden. Sie stellt insbeson­dere für Gering­qualifi­zierte und Personen mit Migrations­hintergrund eine wichtige Mög­lich­keit der beruf­li­chen Qualifi­zie­rung dar. Ihre wachsende Bedeu­tung zeigt, dass sie eine attrak­tive Op­tion für Personen dar­stellen, die sich in ihrer aktuel­len Lebens­situa­tion nicht auf längere Umschu­lun­gen ein­lassen können.

Psychologisch ist der modulare Aufbau eben­falls ein Vorteil: Die Auftei­lung in einzelne, kürzere Bau­steine führt zu kontinuier­li­chen Rück­meldun­gen über Bildungs­erfolge und ver­ringert dadurch Motivations­barrieren, die oft das Resultat einer nach­haltigen Schul­müdig­keit sind.

Verbreitung und Förderung

Teilqualifizierungen haben seit ihrer Einfüh­rung im Jahr 2010 an Bedeu­tung ge­wonnen. Während in den ersten Jahren nur zwi­schen 3.200 und 7.600 Personen pro Jahr eine solche Maß­nahme begannen, stieg die Zahl der Teil­nehmer bis 2023 auf über 16.500. Finanziert werden die Maß­nahmen über Bildungs­gutscheine der Bundes­agentur für Arbeit; seit April 2024 er­gänzt das neue Qualifi­zierungs­geld das Förder­instrumenta­rium, das auch Beschäftig­ten in Trans­formations­prozessen zugute­kommen soll.

Auch die Akzeptanz auf Arbeitgeber­seite ist be­merkens­wert: Laut Bertels­mann haben 2020 rund 81,2% der Unter­neh­men an­gegeben, dass sie Arbeits­suchende mit nach­gewiesenen Fähig­kei­ten in einer oder mehreren Teil­qualifika­tio­nen ein­stellen würden.

Die Grenzen des Instruments

Bei aller Begeisterung sollte die Teilqualifizie­rung nicht als All­heil­mittel be­trach­tet werden. Insge­samt machen Teil­qualifizie­run­gen knapp 6% aller Zugänge in von der BA geförder­ten Maß­nahmen beruf­li­cher Weiter­bildung aus. Die Förde­rung konzen­triert sich stark auf wenige Berufs­felder, insbeson­dere Fahrzeug­führung im Straßen­verkehr, Objekt-, Personen- und Brand­schutz sowie den Bereich Lager­wirt­schaft und Logistik. In den am stärks­ten vom Fach­kräfte­mangel betroffe­nen Bereichen - Pflege, IT, Elektro­technik - ist das Angebot an Teil­qualifizie­run­gen noch ver­gleichs­weise schmal.

Ein weiteres strukturelles Problem zeigt sich beim Abschluss: Während sich Beschäfti­gungs- und Gehalts­chancen für Menschen, die an einer Teil­qualifizie­rung teil­genommen haben, gut ent­wickeln, bleiben die Möglich­kei­ten zum Berufs­abschluss weitest­gehend un­genutzt. Viele Teil­nehmende absolvieren also ein oder zwei Module und steigen damit in den Arbeits­markt ein, holen den voll­ständi­gen Abschluss aber nie nach. Das ist kurz­fristig für alle Beteilig­ten prak­tisch, lang­fristig aber eine ver­passte Chance.

Politische Kontroversen

Die Teilqualifizierung ist keineswegs un­umstritten. Der Deutsche Gewerk­schafts­bund hatte bereits be­fürchtet, dass Teil­qualifizie­run­gen eher dazu dienen, relativ kurz­fristig „Berechtigungs­zertifikate“ aus­zustellen, die schnell am Markt ver­wertbar sind, aber nicht zu einer voll­ständigen beruf­li­chen Qualifi­zie­rung führen. Ein weiterer Kritik­punkt ist, dass durch Teil­qualifizie­run­gen ein Prüfungs- und Zertifi­zierungs­system ge­schaffen wurde, das parallel zum System der dualen Berufs­ausbildung exis­tiert.

Diese Sorge ist nicht unbegründet: Das duale Ausbildungs­system gilt weltweit als Qualitäts­merkmal des deut­schen Arbeits­markts. Wenn Teil­qualifizie­run­gen zur Regel statt zur Er­gänzung werden, könnte der gesell­schaft­liche Wert einer voll­ständi­gen Ausbildung lang­fristig erodieren. Gleich­zeitig betonen Befür­worter, dass die TQ kein Ersatz, sondern eine Eingangs­pforte in ein höher­wertiges Berufs­leben sein soll.

Fazit: Ergänzung, nicht Ablösung

Die Debatte „Teilqualifizierung statt Umschulung“ stellt eine falsche Alter­native auf. Beide Instru­mente haben ihre Berechti­gung - für unterschied­liche Menschen in unter­schied­li­chen Lebens­situationen. Die Umschu­lung bleibt die bessere Wahl für Menschen, die tat­säch­lich einen voll­ständigen Neu­start in einem anspruchs­vollen Beruf an­streben und die zeit­liche Kapazität dafür haben. Die Teil­qualifizie­rung hingegen ist das Instru­ment der Wahl für alle, die schnell in Beschäf­ti­gung kommen müssen, die schritt­weise Erfolgs­erleb­nisse benöti­gen oder die aus familiä­ren oder sozia­len Gründen keine mehr­jährige Vollzeit­maßnahme stemmen können.

Was Deutschland braucht, ist weniger eine ideolo­gische Debatte über das bessere Modell als viel­mehr eine konse­quente Auswei­tung beider Instru­mente auf mehr Berufs­felder - kombiniert mit einer geziel­ten Anreiz­struktur, die Teil­nehmende moti­viert, vom ersten Modul irgend­wann tat­säch­lich zum voll­ständigen Abschluss zu ge­langen. Denn eine Fach­kraft, die ihren Beruf voll­ständig be­herrscht und ent­sprechend ent­lohnt wird, ist lang­fristig die beste Antwort auf den Fach­kräfte­mangel.


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