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Fachkräftemangel in Deutschland

Ist „Fachkräftemangel“ ein bequemes Argument?

Manchmal wenn Unternehmen über Fachkräfte­mangel klagen, lohnt es sich, auch etwas skeptisch zu sein. Denn der Begriff hat eine eigentüm­liche Karriere hinter sich: Er taucht in Presse­mitteilun­gen von Arbeit­geber­verbänden auf, er dominiert poli­tische Debatten, und er dient regel­mäßig als Argument, wenn es darum geht, Ein­wanderungs­hürden zu senken, Renten­eintritts­alter zu er­höhen oder Ausbildungs­anforde­run­gen zu flexibi­li­sieren. Ein so viel­seitig ein­setz­bares Wort ver­dient genaue Betrachtung.

Der Vorwurf, den Gewerkschaften und Arbeitsmarkt­forscher gelegent­lich erheben, lautet: Manche Unter­neh­men bezeichnen als „Fachkräfte­mangel“, was in Wirklich­keit ein selbst ver­schuldetes Problem ist - näm­lich die Weigerung, an­gemessene Löhne zu zahlen, in eigene Aus­bildung zu investie­ren oder Arbeits­bedin­gun­gen attrak­tiv zu ge­stalten. In einem funktio­nieren­den Markt signali­siert Knapp­heit steigende Preise. Wenn Arbeits­kräfte knapp sind, müssten die Löhne steigen, bis das Angebot wieder mit der Nach­frage mit­halten kann. Geschieht das nicht - oder nur zöger­lich -, ist die Diagnose „Mangel“ zumindest unvoll­ständig.

Tatsächlich gibt es Branchen, in denen dieser Verdacht be­rechtigt ist. Im Bereich der Logistik etwa, wo Berufs­kraftfahrer hände­ringend ge­sucht werden, sind die Stunden­löhne über Jahre real ge­sunken. Im Pflege­bereich haben Jahr­zehnte einer systema­ti­schen Unterbewer­tung von Sorge­arbeit dazu ge­führt, dass qualifi­zierte Pflege­kräfte den Beruf ver­lassen - nicht weil sie nicht können, sondern weil sie nicht wollen unter den ge­gebenen Bedingun­gen. Wenn eine exami­nierte Pflegefach­kraft für Schicht­arbeit inklusive Wochen­enden und der Verantwor­tung für Menschen­leben deut­lich weniger ver­dient als ein Büro­kaufmann mit ge­regel­ten Arbeits­zeiten, ist das kein Natur­gesetz, sondern das Ergebnis poli­ti­scher und unternehme­ri­scher Ent­schei­dungen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufs­forschung (IAB) hat zudem fest­gestellt, dass fast ein Drittel aller offenen Stellen un­besetzt bleibt, weil Arbeits­bedin­gun­gen oder Lohn­angebote nicht mit den Erwar­tun­gen der Bewerber über­einstimmen. Das ist ein be­merkens­werter Befund: Nicht Qualifi­kation, sondern Attrakti­vität ist hier die Hürde. Wer diesen Teil der Lücke als „Fach­kräfte­mangel“ be­zeichnet, ver­schleiert, wo die eigent­liche Ver­antwor­tung liegt.

Dennoch wäre es falsch, den Begriff pauschal als Arbeitgeber-Narrativ ab­zutun. Denn es gibt einen zweiten, unbe­streit­baren Teil des Problems, der sich mit keiner Lohn­erhöhung der Welt lösen lässt: den demografi­schen Wandel. Und dieser ist real, mess­bar und in seiner Wirkung ver­heerend.


Das demografische Problem war lange absehbar

Deutschland altert schneller als die meisten anderen Industrie­länder. Das Statis­tische Bundes­amt ver­zeichnet für 2024 ein Durch­schnitts­alter der Bevölke­rung von 44,9 Jah­ren. Die geburten­starken Jahr­gänge der so­genannten Babyboomer - also die zwi­schen etwa 1955 und 1970 Gebore­nen - ver­lassen in dieser Dekade den Arbeits­markt. Das IAB prognosti­ziert, dass bis 2035 rund sieben Millio­nen Fach­kräfte allein durch Renten­eintritte weg­fallen werden. Nach­rückende Jahr­gänge sind zu dünn, um diese Lücke auch nur an­nähernd zu schließen.

Das ist kein neues Wissen. Bereits in den 1990er Jah­ren waren die Geburten­raten bekannt, bereits um die Jahr­tausend­wende hätte man aus­rechnen können, welche Arbeits­kraftlücke in den 2020er Jahren ent­stehen würde. Dass Deutsch­land dennoch ohne sub­stanzielle Weichenstel­lun­gen in diese Situa­tion geglitten ist, ist ein poli­ti­sches Versagen von er­hebli­chem Ausmaß. Weder wurde die Ein­wanderungs­politik recht­zeitig auf qualifi­zierte Arbeitsmigra­tion aus­gerichtet, noch wurden Bildungs­system und Ausbildungs­strukturen ange­passt, noch wurde die Erwerbs­beteili­gung von Frauen durch konsequen­ten Kita-Ausbau ge­fördert.

Das Ergebnis ist ein Mangel, der gleich­zeitig auf mehreren Ebenen operiert: Es fehlen schlicht Menschen, es fehlen Menschen mit den richti­gen Qualifika­tionen, und es fehlen Rahmen­bedingungen, die vor­handene Menschen in den Arbeits­markt locken. Diese drei Dimensionen zu unter­scheiden ist ent­scheidend, denn sie ver­langen unterschied­liche Lösungen.


Was für einen Fachkräftemangel haben wir?

Die öffentliche Debatte suggeriert oft, Fachkräfte­mangel sei ein einheit­li­ches Phänomen. Das ist irre­führend. In Wirklich­keit lassen sich mindes­tens drei Formen unter­scheiden, die sich über­lagern, aber analy­tisch ge­trennt be­trachtet werden müssen.

Der quantitative Mangel bezeichnet schlicht das Fehlen von Arbeits­kräften un­abhängig von ihrer Qualifi­kation. Das Institut der deut­schen Wirt­schaft (IW Köln) beziffert die Zahl der Stellen, die rechne­risch nicht mit passend qualifi­zierten Arbeits­losen be­setzt werden können, für das Jahr 2024 auf rund 487.000. Das ist ein Rück­gang gegen­über dem Vor­jahr (über 530.000), was aber weniger auf Ver­besse­rung hin­deutet als auf den wirt­schaft­li­chen Abschwung: Bei geringe­rer Konjunk­tur werden schlicht weniger Stellen aus­geschrie­ben. Der struktu­relle Druck bleibt.

Der qualitative Mangel oder Qualifikations-Mismatch ist die komplexere und in ihren Lösungs­ansätzen an­spruchs­vollere Dimension. Hier geht es nicht darum, dass zu wenige Menschen ver­fügbar sind, sondern dass die vorhande­nen Menschen nicht die Qualifika­tio­nen mit­bringen, die ge­fragt werden. Dieser Mismatch exis­tiert in beide Richtun­gen: Es gibt Menschen, die unter­qualifi­ziert für die offenen Stellen sind - insbeson­dere viele Geflüch­tete aus dem arabi­schen Raum, von denen laut Bundes­statistik knapp 40% keinen berufs­qualifizie­renden Abschluss mit­bringen. Und es gibt Men­schen, die über­qualifi­ziert sind und in Berufen weit unter­halb ihres Niveaus arbeiten - darunter viele Zuge­wanderte mit aus­ländischen Hoch­schul­abschlüssen, die in Deutsch­land nicht an­erkannt werden.

Der strukturelle Mangel schließ­lich bezeichnet das Miss­verhältnis zwi­schen den Berufs­feldern, die gesell­schaft­lich ge­braucht werden, und jenen, die als attrak­tiv gelten. In Deutsch­land hat ein langer Akademi­sierungs­trend dazu ge­führt, dass immer mehr junge Menschen studieren - auch dann, wenn ein Handwerks­beruf bessere Berufs­aussich­ten und teils höhere Einstiegs­gehälter böte. Gleich­zeitig haben Branchen wie die Pflege, die Kinder­erziehung und das Handwerk ein Image­problem, das mit reinen Lohn­erhöhungen schwer zu be­heben ist, weil es kulturell ver­wurzelt ist: Körper­liche Arbeit und Sorge­arbeit gelten als weniger wert­voll als Büro­arbeit und akademi­sche Tätig­keiten.


Das duale Ausbildungssystem: Stärke und Falle zugleich

Um den Qualifikationsmismatch zu verstehen, muss man das Herzstück der deut­schen Berufs­bildung verstehen: das duale Ausbildungs­system. Es ist eine deut­sche - genauer: eine deutsch­sprachige - Beson­derheit. In Österreich und der Schweiz gibt es ver­gleich­bare Struktu­ren, im Rest der Welt kaum. Das System sieht vor, dass Aus­zubildende gleich­zeitig im Betrieb prak­tisch und in der Berufs­schule theore­tisch aus­gebildet werden, über zwei bis drei­einhalb Jahre, mit staat­lich an­erkann­tem Ab­schluss.

Die Stärken dieses Systems sind erheblich. Es produziert Fach­kräfte mit hoher Praxis­relevanz, es bindet Ausbil­dung an reale Betriebs­bedin­gun­gen und nicht an schulische Simula­tion, und es hat historisch zur Qualität des Wirt­schafts­standorts Deutsch­land bei­ge­tragen. „Made in Germany“ war lange kein leeres Ver­sprechen, sondern Aus­druck eines Ausbildungs­niveaus, das inter­natio­nal seines­gleichen suchte.

Doch dasselbe System, das Stärke verleiht, erzeugt im Kontext von Zuwande­rung und Globali­sie­rung erheb­liche Probleme. Jemand, der in Marokko, Syrien oder Indien als Elektriker, Schreiner oder Krankenpfleger gearbeitet hat, hat diese Tätig­keit ent­weder in einem rein schulischen System, einem informellen Lehrlings­verhält­nis oder einer anderen Aus­bildungs­struktur erlernt. Der deut­schen Handwerks­kammer oder dem Gesundheits­amt fehlt dann die Grund­lage für eine An­erken­nung - nicht not­wendiger­weise, weil die Person weniger kann, sondern weil die Ab­schlüsse in inkompati­blen Systemen er­worben wurden. Das Ergeb­nis ist paradox: Menschen mit jahre­langer Berufs­erfah­rung dürfen ihren Beruf in Deutsch­land nicht aus­üben oder gelten statis­tisch als unquali­fiziert.

Hinzu kommt das Problem in umgekehrter Richtung: Deutsche Ausbildungs­abschlüsse sind im Ausland kaum be­kannt und werden selten an­erkannt. Ein deut­scher Meister im Elektro­techniker­handwerk kann nicht ohne Weiteres in Frankreich oder Großbritannien auf gleichem Niveau ein­steigen. Das be­grenzt die inter­natio­nale Mobili­tät des deut­schen Fach­arbeiters - und macht Deutsch­land für aus­ländi­sche Fach­kräfte mit gut an­erkannten Uni­versitäts­abschlüssen attrak­ti­ver als für jene mit dualen Aus­bildungs­abschlüssen.


Zuwanderung als Lösung - eine differenzierte Bilanz

Die politische Antwort auf den Fachkräfte­mangel lautet seit Jahren: mehr Zuwande­rung. Das ist nicht falsch, aber zu simpel. Denn Zuwande­rung ist nicht gleich Zuwande­rung, und die bisherige Praxis zeigt erheb­liche Unterschiede in ihrer Wirkung.

Die Zuwanderung aus den EU-Osterweiterungs­ländern - Polen, Rumänien, Bulgarien, den bal­ti­schen Staaten - war über mehr als ein Jahr­zehnt lang der wichtigste Puffer gegen den demogra­fischen Rückgang. Diese Gruppe brachte oft gut passende Qualifika­tio­nen mit, sprach teils Deutsch oder lernte es schnell, und trug mess­bar zur Fachkräfte­sicherung bei. Das IW Köln stellt jedoch fest, dass diese Quelle ver­siegt: Die ost­europäischen Länder altern selbst, ihre Lebens­standards steigen, und die Bereit­schaft zur Emigra­tion nach Deutsch­land sinkt. Im Jahres­durch­schnitt kommen inzwi­schen rund 138.000 Zuwande­rer weniger aus dieser Region als zu Spitzen­zeiten.

Die Zuwanderung im Zuge der Fluchtkrisen seit 2014 - aus Syrien, Afghanis­tan, dem Irak und anderen Krisen­regionen - hat da­gegen nur mäßig zum Fach­kräfte­bedarf bei­getragen, und das aus strukturellen, nicht moralischen Gründen. Fluchtmigra­tion ist ungeplant und ent­spricht nicht den Anforde­run­gen des Arbeits­marktes. Die Qualifika­tions­profile der Geflüchte­ten passen selten zu den offenen Stellen. Bei Geflüchte­ten aus Syrien und Afghanis­tan etwa dauerte es laut IAB rund acht bis zehn Jahre, bis mehr als 60% der Männer in sozial­versicherungs­pflichtiger Be­schäfti­gung waren. Das ist kein Scheitern - es ist der realis­tische Zeit­rahmen für Menschen, die oft ohne Sprach­kenntnisse, ohne an­erkannte Abschlüsse und mitunter mit psychi­schen Belas­tun­gen durch Flucht und Ver­treibung an­kommen.

Besonders aufschlussreich ist der Fall der ukraini­schen Geflüchte­ten nach 2022. Sie starten aus einer günstige­ren Ausgangs­position: 68% haben ein Hoch­schul­examen, sie genießen sofortigen Zugang zum Arbeitsmarkt, und die poli­tische Aufnahmebereit­schaft war hoch. Dennoch arbeitete im Früh­jahr 2025 nur etwa ein Drittel von ihnen, und fast die Hälfte der Erwerbs­tätigen in Berufen, für die sie formal über­qualifi­ziert waren. Ihre Ver­dienste lagen mit durch­schnitt­lich 2.550 Euro brutto im Vollzeit­bereich deut­lich unter dem deut­schen Durch­schnitt von 3.516 Euro. Das illus­triert das Über­qualifi­zierungs­problem in nüchter­ner Klar­heit: Hoch­gebildete Menschen landen in Hilfs­tätig­keiten, weil ihre Ab­schlüsse nicht an­erkannt werden, weil Sprach­kenntnisse fehlen, weil Betreuungs­pflichten - vor allem bei Müttern - den Einstieg ver­zögern. Ihr Potenzial für den Fach­kräfte­mangel bleibt weit­gehend ungenutzt.

Das 2023 in Kraft getretene Fachkräfte-Einwanderungs­gesetz zielt auf eine andere Gruppe: qualifi­zierte Arbeits­migrantinnen und -migranten aus Nicht-EU-Staaten, die ge­zielt für Berufe angeworben werden, in denen Bedarf besteht. Das ist konzeptio­nell der richtige Ansatz. In der Praxis bremst ihn jedoch Büro­kratie: Visa­verfahren dauern teils Monate, Bot­schaften sind über­lastet, An­erkennungs­verfahren für Abschlüsse sind komplex und lang­wierig. Eine Pflege­kraft aus Philippinen oder eine IT-Fachkraft aus Indien, die auf eine Stelle in Deutsch­land wartet, nimmt oft ein Angebot aus Kanada, Australien oder den Nieder­landen an - weil diese Länder schneller, einfacher und offen­si­ver rekru­tieren.


Wo brennt es am stärksten?

Der Fachkräftemangel ist kein gleich­mäßig ver­teiltes Phänomen. Er konzen­triert sich auf Branchen, die drei Merk­male ver­binden: hohe gesell­schaft­liche Not­wendig­keit, geringe gesell­schaft­liche Wertschät­zung und struktu­rell schwierige Arbeits­bedingungen.

In der Pflege und im Gesundheits­wesen ist die Lage am drängends­ten und in ihren Konsequen­zen am unmittel­bars­ten spür­bar. Kranken­häuser reduzieren Betten­kapazitä­ten, weil Pflegepersonal fehlt. Altenheime arbeiten dauer­haft an der Belastungs­grenze. Ambulante Pflege­dienste lehnen neue Patienten ab. Hinter diesen Zahlen ver­bergen sich konkrete Schicksale: Menschen, die nicht aus­reichend versorgt werden, Ange­hörige, die ein­springen müssen, und Pflege­kräfte, die an Überlas­tung er­kranken. Das IW Köln be­ziffert allein die Lücke in der Kinder­betreuung für 2023 auf über 21.000 offene Stellen, in der Sozial­arbeit auf 18.000.

Im Handwerk bedroht der Fachkräfte­mangel die wirt­schaft­liche Substanz von Betrieben. Elektriker, SHK-Fachleute (Sanitär, Heizung, Klima) und Dach­decker sind über Monate aus­gebucht; manche Betriebe nehmen keine Neu­aufträge mehr an. Das hat direkte volks­wirt­schaft­liche Folgen: Die Energie­wende etwa - Solar­anlagen, Wärme­pumpen, Gebäude­dämmung - stockt nicht nur aus poli­ti­schen Gründen, sondern weil die Hand­werker fehlen, um sie um­zusetzen. Eine Klima­politik ohne aus­reichende Ausbildungs­kapazitä­ten im Hand­werk ist Wunsch­denken.

In der IT und Digitalisierung fehlen Schät­zun­gen zufolge mehrere Hundert­tausend Fach­kräfte. Dieser Mangel hat eine beson­dere Qualität, weil er die Wett­bewerbs­fähig­keit der gesamten deut­schen Wirt­schaft betrifft. Unter­neh­men, die ihre Prozesse nicht digitali­sieren können, verlieren mittel­fristig im globalen Wett­bewerb. Deutsch­land, das struktu­rell auf industrielle Export­stärke gebaut ist, braucht Digitalisie­rung nicht als Selbst­zweck, sondern als Voraus­set­zung für das Über­leben seiner Schlüssel­industrien.

Im Bildungssystem schließlich potenziert sich das Problem. Lehrer­mangel bedeutet größere Klassen, schlechtere Be­treuung, frühere Selek­tion - also weniger gut aus­gebildete Menschen, die in zehn, fünfzehn Jahren in den Arbeits­markt ein­treten. Fachkräfte­mangel im Bildungs­system erzeugt zukünf­tigen Fachkräfte­mangel in allen anderen Bereichen. Es ist eine der perverses­ten Rück­kopplungs­schleifen des Problems.


Gesellschaftliche Folgekosten

Die Kosten des Fachkräftemangels sind schwer exakt zu be­ziffern, aber in ihrer Größen­ordnung nicht zu unter­schätzen. Studien des IW Köln schätzen die gesamt­wirt­schaft­li­chen Verluste durch unbesetzte Stellen auf drei­stellige Milliarden­beträge jähr­lich. Aufträge werden ab­gelehnt, Investitions­projekte ver­zögern sich, Innovations­vorhaben unter­bleiben. Kleine und mittlere Unter­neh­men treffen diese Folgen über­proportional: Anders als Groß­konzerne ver­fügen sie nicht über globale HR-Abteilun­gen, inter­natio­nale Rekrutierungs­budgets oder die Möglich­keit, Qualifi­kations­lücken durch interne Weiter­bildungs­programme zu schließen.

Die regionalen Disparitäten verschärfen das Bild. In struktur­schwachen Regio­nen - vor allem in Teilen Ost­deutschlands, aber auch in länd­li­chen Räumen im Westen - ist der Mangel an Fachkräften nicht nur ein wirt­schaftliches, sondern ein demogra­phisches und soziales Problem. Wenn Haus­ärzte fehlen, Kitas keine Erziehe­rinnen finden und Handwerks­betriebe schließen müssen, verliert eine Region an Attrakti­vität - was weitere qualifi­zierte Menschen zur Abwande­rung in Städte ver­anlasst. Eine selbst­verstärken­de Spirale ent­steht.

IAB-Daten zeigen zudem, dass der Wohnort eines Geflüchte­ten stärker über seine Be­schäftigungs­chancen ent­schei­det als seine individuelle Qualifi­kation. Die Zutei­lung nach dem Königsteiner Schlüssel - die primär Wohnraum, nicht Arbeitsmarkt­perspekti­ven be­rück­sichtigt - hat dazu geführt, dass viele Zuwande­rer in struktur­schwache Regionen mit geringen Be­schäftigungs­chancen ge­lenkt wurden. Das ist migrations­politisch brisant und arbeits­marktpoli­tisch kontra­produktiv.


Lösungsansätze

Die Rezepte gegen den Fachkräftemangel sind bekannt; das Problem ist ihre poli­tische Umset­zung und ihr Zeithorizont.

Kurzfristig ist gezielte Zuwande­rung der effek­tivste Hebel - aber nur, wenn sie bürokra­tisch ent­schlackt wird. Schnellere Visa-Verfahren, verein­fachte An­erkennungs­verfahren, aktive Rekrutie­rung in gezielten Partner­ländern: Das sind keine radikalen Maß­nahmen, sondern das, was Kanada, Australien und Groß­britan­nien seit Jahren prakti­zieren. Deutsch­land hat mit dem Fachkräfte­einwanderungs­gesetz einen Schritt in die richtige Rich­tung getan, muss aber in der Ver­waltungs­umsetzung nach­legen.

Mittelfristig liegt das größte ungehobene Potenzial bei der Erwerbs­beteili­gung von Frauen. Deutsch­land ist trotz aller Fort­schritte ein Land, in dem Teilzeit­arbeit für Mütter strukturell erzwungen wird - durch fehlende Kita-Plätze, Schließ­zeiten, die mit Berufs­tätig­keit un­vereinbar sind, und ein Steuer­recht (Ehegatten­splitting), das Zu­verdienst­modelle be­günstigt. Wenn auch nur ein Teil der Frauen, die unfrei­willig in Teil­zeit arbeiten, in Voll­zeit wechseln könn­ten, wäre der Effekt auf das Arbeits­kräfte­angebot substan­ziell.

Strukturell braucht Deutschland eine Neu­bewer­tung handwerk­li­cher und sozialer Berufe - nicht nur rhetorisch, sondern materiell. Pflege­kräfte, Erzieherinnen und Hand­werker müssen besser bezahlt werden. Das ist eine gesell­schaft­liche Ent­scheidung über Wertig­keit, die sich in Tarif­verträgen, in der Finanzie­rung von Gesundheits- und Bildungs­einrich­tun­gen und in der Bereit­schaft nieder­schlägt, für Pflege und Bildung mehr zu zahlen - sei es als Steuer­zahler oder als Nutzer.

Langfristig ist die Frage nach Automatisie­rung und Künst­li­cher Intelligenz nicht zu um­gehen. In der industriel­len Fertigung, in Teilen der Logistik, in der Verwal­tung und in bestimmten Dienstleistungsbereichen werden Maschinen und Algorith­men Auf­gaben über­nehmen, für die heute Arbeits­kräfte gesucht werden. Das löst das Problem nicht, aber es ver­lagert es: Statt Monteure werden Techniker ge­braucht, statt Daten­eingabe werden Daten­analysten be­nötigt. Die eigent­liche Heraus­forde­rung liegt dann in der Qualifi­zie­rung für diese neuen Auf­gaben - was wiederum ein Bildungs- und Weiter­bildungs­system voraus­setzt, das flexibel genug ist, um mit tech­nologi­schen Verände­run­gen Schritt zu halten. Beides ist in Deutsch­land derzeit nicht ge­währleistet.


Ist „Fachkräftemangel“ ein Vorwand?

Nach dieser Betrachtung lässt sich die eingangs auf­geworfene Frage präziser be­antworten. Der Begriff „Fachkräfte­mangel“ ist weder reine Erfin­dung noch voll­ständige Be­schreibung der Wirk­lichkeit. Er deckt reale demogra­fische und struktu­relle Probleme ab, wird aber gelegent­lich instrumenta­li­siert, um von unter­nehmeri­schen Versäum­nissen ab­zulenken.

Es gibt Unternehmen und Branchen, in denen der Mangel an Bewerbern primär das Ergebnis mangel­hafter Attrakti­vi­tät ist: zu niedrige Löhne, zu schlechte Arbeits­bedingungen, zu wenig Investi­tion in eigene Ausbildung. Für diese gilt: Wer keinen Lehrling findet, sollte nicht primär den Staat um Zu­wanderungs­erleichte­run­gen bitten, sondern seine Ausbildungsvergü­tung und seinen Ausbildungs­alltag überprüfen. Die Beobach­tung des IAB, dass fast ein Drittel aller Vakanzen an nicht konkurrenz­fähigen Angebo­ten scheitert, ist ein deut­li­cher Finger­zeig.

Doch für den Kern des Problems - den demogra­fisch be­ding­ten Rück­gang des Erwerbs­personen­potenzials, den Qualifika­tions-Mismatch durch ein inter­natio­nal inkompati­bles Ausbildungs­system, die strukturelle Unterbewer­tung bestimmter Berufs­felder - trägt nicht der einzelne Unter­nehmer die Ver­ant­wortung. Das sind gesell­schaft­liche und poli­tische Versäum­nisse, die über Jahr­zehnte ge­wachsen sind.


Strukturreform statt Pflasterpolitik

Fachkräftemangel in Deutschland ist weder ein Schlag­wort noch ein lösbares Rand­problem. Es ist ein Symptom mehre­rer tief ver­wurzel­ter Miss­verhält­nisse: zwi­schen dem, was das Bildungs­system produziert und was der Arbeits­markt braucht; zwi­schen der gesell­schaft­li­chen Bewer­tung von Berufen und ihrer tatsäch­li­chen Un­verzicht­bar­keit; zwi­schen dem, was Deutsch­land an qualifi­zierter Zuwande­rung braucht, und dem, was seine Büro­kratie zulässt; und zwi­schen dem demogra­fi­schen Wandel, der sich seit Jahr­zehnten ab­zeichnete, und dem poli­ti­schen Willen, recht­zeitig zu reagieren.

Kurzfristige Maßnahmen sind notwendig: schnellere Ein­wanderungs­verfahren, ent­bürokrati­sierte An­erkennun­gen, bessere Kinder­betreuung. Aber sie reichen nicht. Was Deutsch­land lang­fristig braucht, ist eine ehr­liche Aus­einanderset­zung mit der Frage, welche Arbeit es wie bewertet - und die Bereit­schaft, diese Bewer­tung zu ver­ändern. Denn ein Land, das Pflege, Bildung und Hand­werk nicht aus­reichend wertschätzt, wird diese Berufe nicht aus­reichend be­setzen können - egal wie viele Fach­kräfte es importiert.


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