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Lieferketten - woher kommen die Probleme?

Die Welt hat in den vergangenen Jahren eine stille, aber tief­greifende Er­kenntnis ge­macht: Globale Liefer­ketten, lange als selbst­verständ­liche Infra­struktur des Wohl­stands ge­feiert, sind fragil. Was in norma­len Zeiten wie ein nahezu un­sicht­bares System er­scheint - Roh­stoffe fließen, Fabriken produ­zieren, Regale füllen sich - kann unter Druck in kurzer Zeit kolla­bieren. Die Covid-19-Pandemie hat dieses Wissen aus den Lehr­büchern der Logistik­wissen­schaft in die Schlag­zeilen und schließ­lich in das Bewusst­sein der breiten Öffentlich­keit ge­bracht. Doch Liefer­ketten­probleme sind kein neues Phänomen. Sie be­glei­ten den Handel seit Jahr­hun­derten - und ihre Ur­sachen sind so viel­fältig wie die Liefer­ketten selbst.

Eine Lieferkette beschreibt den gesam­ten Weg eines Produkts vom Roh­stoff bis zum End­verbraucher - ein Netz­werk aus Förderung, Produk­tion, Trans­port, Lage­rung und Ver­teilung, das über viele Unter­neh­men, Länder und Konti­nente ver­teilt sein kann. Liefer­ketten­probleme ent­stehen über­all dort, wo dieses Netz­werk unter­brochen, über­lastet oder un­ausge­wogen wird.

Die Ursachen lassen sich in mehrere Katego­rien ein­teilen:

Nachfrageschwankungen sind eine der häufigs­ten Ursachen. Bricht die Nach­frage plötz­lich ein oder steigt sie un­erwartet an, sind Produk­tions- und Logistik­systeme oft nicht schnell genug an­passungs­fähig. Das sogenannte *Bullwhip-Effekt*-Phänomen be­schreibt, wie kleine Nach­frage­ände­run­gen sich ent­lang der Kette auf­schaukeln und bei Zu­liefe­rern weit größere Schwankun­gen er­zeugen, als es der ur­sprüng­liche Impuls recht­fertigen würde.

Physische und logisti­sche Engpässe ent­stehen durch mangeln­de Kapazi­tä­ten in Trans­port, Häfen, Lagerhal­tung oder Ferti­gung. Schiffe, Container, Lkw-Fahrer - all das ist nicht be­liebig und kurz­fristig skalier­bar.

Geopolitische Risiken umfassen Handels­konflikte, Sanktio­nen, Export­verbote und poli­tische Instabi­lität in roh­stoff­reichen Regio­nen. Je mehr die Weltwirt­schaft auf wenige Produk­tions­standorte konzen­triert ist, desto an­fälli­ger wird sie für poli­tische Ent­schei­dun­gen an diesen Stand­orten.

Naturkatastrophen und Pandemien können ohne Vor­warnung ganze Regio­nen oder Indus­trie­zweige lahm­legen. Erdbeben, Über­schwem­mun­gen, Vulkan­ausbrüche und, wie jüngst er­lebt, Pandemien unter­brechen Liefer­ketten in einem Aus­maß, das kurz­fristig kaum zu kompen­sieren ist.

Strukturelle Überoptimierung ist eine systemi­sche Ur­sache, die durch Jahr­zehnte be­triebs­wirt­schaft­li­cher Rationa­li­tät er­zeugt wurde. Das Prinzip des *Lean Manage­ment* und des *Just-in-Time*-Ansatzes - ent­wickelt in den 1950er und 1960er Jah­ren von Toyota - hat Unter­neh­men dazu ge­bracht, Lager­bestände auf ein Minimum zu redu­zieren und Produk­tion eng an aktuelle Nach­frage an­zupassen. Das spart Kosten, macht das System aber extrem an­fällig für Störun­gen. Puffer exis­tie­ren nicht mehr, weil Puffer als Ineffi­zienz gelten.

Lieferkettenprobleme vor der Pandemie

Der Glaube, dass Lieferketten­probleme ein moder­nes Phänomen seien, ist ein Irr­tum. Die Ge­schich­te des Handels ist zugleich eine Ge­schichte von Unter­brechun­gen, Knapp­hei­ten und Krisen.

Bereits im Mittelalter unterbrach die Pest Handels­wege zwi­schen Europa und dem Orient. Die Seiden­straße, die über Jahr­hun­derte Waren und Wissen zwi­schen Asien und Europa ver­mittelt hatte, verlor zeit­weise ihre Funktion, als poli­tische Umbrüche und Krieg die Routen blockier­ten. Auch Kriege haben immer wieder Liefer­ketten ge­kappt - vom Napoleoni­schen Embargo gegen bri­tische Waren bis zur See­blockade im Ersten und Zwei­ten Welt­krieg.

Im 20. Jahrhundert wurden Liefer­ketten­probleme zu­neh­mend indus­triell sicht­bar:

Die Ölkrisen von 1973 und 1979 zeigten erst­mals in aller Schärfe, wie ab­hängig moder­ne Volkswirt­schaften von globa­len Roh­stoff­liefer­ketten ge­worden waren. Als die OPEC-Staaten die Produk­tion drossel­ten und ein Embargo gegen west­liche Länder ver­häng­ten, brach nicht nur der Benzin-Nachschub zu­sammen - die ge­samte Indus­trie­produk­tion litt unter explo­die­renden Energie­preisen. Kurz­arbeit, Produktions­stopps und Rezes­sion folg­ten.

Der Golfkrieg 1990/91 und die anschlie­ßende De­stabili­sie­rung des Nahen Ostens be­einfluss­ten Öl­preise und Ver­sorgungs­sicher­heit erneut. Die Region, auf der ein erheb­li­cher Teil der welt­weiten Energie­versor­gung beruht, er­wies sich einmal mehr als geo­poli­ti­scher Un­sicher­heits­faktor.

Das Erdbeben in Kobe 1995 in Japan traf eine der wichtigs­ten Industrie­regio­nen des Landes und legte Auto­mobil­zuliefe­rer lahm - ein früher Beleg dafür, wie die Konzen­tra­tion von Produk­tion an einem einzi­gen Standort zum System­risiko wird.

Die Anschläge des 11. September 2001 lösten un­mittel­bar einen Schock in den globa­len Liefer­ketten aus. Flughäfen wurden ge­schlos­sen, Grenz­kontrol­len massiv ver­schärft, der Luft­fracht­verkehr brach kurz­fristig zu­sammen. Unter­neh­men, die auf Just-in-Time setzten, standen vor leeren Lagern.

Die globale Finanzkrise 2008/2009 führte zu einem abrup­ten Nachfrage­einbruch, der Liefer­ketten weniger durch physi­sche Unter­brechung als durch wirt­schaft­liche Er­schütte­rung traf. Viele Zu­lieferer gingen bank­rott, Kapazi­tä­ten wurden ab­gebaut - Kapazi­tä­ten, die bei der folgen­den Erho­lung fehl­ten.

Das Erdbeben und der Tsunami in Japan 2011 mit der an­schließen­den Fukushima-Katastro­phe trafen er­neut die globa­le Auto­mobil- und Elektronik­indus­trie schwer. Viele Her­steller welt­weit muss­ten ihre Produk­tion drosseln, weil be­stimmte Zu­liefer­teile aus­schließ­lich in der be­trof­fenen Region ge­fertigt wurden. Auch hier zeigte sich: Konzen­tra­tion auf einzelne Lieferan­ten oder Stand­orte ist ein syste­mi­sches Risiko.

Die Blockade des Suezkanals durch die Ever Given im März 2021 - bereits in der Pandemie, aber durch ein einzel­nes havarier­tes Schiff ver­ursacht - illustrier­te auf fast absurde Weise, wie ein einzi­ger Eng­pass eine der wichtigs­ten Handel­strassen der Welt für fast eine Woche lahm­legen kann. Rund 12% des globa­len Waren­handels passie­ren den Suez­kanal; die Folge­kosten be­liefen sich auf Milliar­den Dollar täg­lich.

Die Covid-19-Pandemie und ihre Folgen für Lieferketten

Die Pandemie ab 2020 war eine Zäsur. Nicht weil Liefer­ketten­probleme neu waren, sondern weil sie diesmal gleich­zeitig, global und über nahezu alle Branchen hinweg auf­traten. Das System wurde nicht an einer Stelle be­lastet - es wurde über­all gleich­zeitig er­schüt­tert.

Der erste Schock

Als China im Januar und Februar 2020 weite Teile seiner Industrie herunter­fuhr, spürten Herstel­ler welt­weit die Folgen sofort. China ist nicht nur der welt­größte Produk­tions­stand­ort für Konsum­güter, sondern auch der dominie­rende Lieferant für Vor­produkte in un­zähli­gen Branchen - von der Pharma­industrie über die Elek­tronik­industrie bis zum Maschinen­bau. Als die Fabriken standen, standen auch die Bänder anderswo.

Gleichzeitig brachte der Lockdown in west­li­chen Ländern die Nach­frage zum Ein­bruch. Flugzeuge blie­ben am Boden, was den Luft­fracht­verkehr kollabie­ren ließ. Container­schiffe lagen im Hafen, Hafen­arbeiter infi­zier­ten sich oder wurden unter Quaran­täne ge­stellt. Im Früh­jahr 2020 fielen globale Handels­muster aus­einander: Container standen an den falschen Orten, Schiffe fuhren leer oder gar nicht.

Die paradoxe Erholung: Nachfrageexplosion trifft Kapazitätsengpässe

Was folgte, war wirtschafts­geschicht­lich be­merkens­wert. Statt einer langen Rezession erleb­ten viele Länder eine rasche Erho­lung der Konsum­nachfrage - ange­heizt durch staat­liche Konjunk­tur­programme, Erspar­nisse aus dem Lock­down und eine Ver­schie­bung vom Konsum von Dienst­leis­tun­gen hin zu Gütern. Menschen, die nicht reisen, nicht ins Restau­rant gehen und nicht ins Kino konnten, kauften statt­dessen Laptops, Fahr­räder, Heim­werker­bedarf und Möbel.

Doch die Liefer­ketten hatten in der ersten Schock­phase Kapazitä­ten ab­gebaut. Reedereien hat­ten Schiffe aus dem Verkehr ge­zogen, Fabriken hat­ten Mitarbei­ter ent­lassen, Lager­bestände waren aufge­braucht worden. Als die Nach­frage zurück­kehrte, fehl­ten plötz­lich über­all Kapazi­tä­ten: Container­schiffe, Lkw-Fahrer, Lager­hallen, Hafen­kapazitä­ten.

Der Halbleitermangel - ein strukturelles Desaster

Besonders verheerend war der globale Chip­mangel. Halb­leiter sind das Nerven­system moder­ner Indus­trie: Ohne sie funktio­nieren keine Autos, keine Smart­phones, keine Haushalts­geräte, keine Medizin­technik. Die Produk­tion moderns­ter Chips ist auf wenige Stand­orte konzen­triert - allen voran TSMC in Taiwan und Samsung in Süd­korea. Als die Auto­mobil-Industrie zu Beginn der Pandemie ihre Bestel­lun­gen stornierte (sie rechnete mit langem Nach­frage­einbruch) und die Chip­fabriken die freien Kapazi­tä­ten an andere Ab­nehmer ver­gaben (vor allem die boomende Elek­tronik­branche), saßen Auto­konzerne bei der Erho­lung auf dem Trockenen. Volkswagen, Toyota, Ford - alle mussten Produk­tion stoppen. Der volkswirt­schaft­liche Schaden allein in der Automobilindustrie belief sich weltweit auf hunderte Milliarden Dollar.

Weitere Branchen und Effekte

Auch die Pharmaindustrie offenbarte drama­tische Abhängig­keiten. Ein erheb­li­cher Teil der Wirkstoff­produk­tion für Medika­mente, die in Europa und den USA ver­kauft werden, findet in China und Indien statt. Als indische Export­restrik­tio­nen und chinesi­sche Produk­tions­ausfälle zu­sammen­trafen, ent­standen Eng­pässe bei Antibio­tika, Schmerz­mitteln und Fieber­senkern - mitten in einer Pandemie, die genau diese Mittel be­nötigte.

Die Baubranche litt unter Holz­mangel (Säge­werke hat­ten Kapazi­tä­ten redu­ziert, der Boom im Heim­werker­bereich über­raschte alle), Stahl­knapp­heit und fehlen­den Mikro­chips für Steuerungs­systeme.

Der Einzelhandel erlebte leere Regale und monate­lange Warte­zeiten. Die Preise stie­gen - ein Infla­tions­impuls, der sich über 2021 und 2022 in histo­risch hohe Inflations­raten ver­wandel­te und Zentral­banken zu aggres­si­ven Zins­erhöhun­gen zwang.

Der Krieg in der Ukraine - neuer Schock

Kaum hatten sich die Liefer­ketten be­gonnen zu er­holen, folgte im Febru­ar 2022 der russische Über­fall auf die Ukraine. Die Folgen für Liefer­ketten waren unmittel­bar und weit­reichend. Die Ukraine und Russ­land sind gemein­sam be­deutende Exporteure von Weizen, Sonnen­blumenöl, Mais und Dünge­mittel­vorproduk­ten. Der Aus­fall trieb die Lebens­mittel­preise welt­weit in die Höhe und traf arme Länder, die von Nahrungs­mittel­importen ab­hängig sind, beson­ders hart.

Russland ist zudem ein wichtiger Lieferant von Palladium (unver­zichtbar für Katalysa­toren und Elek­tronik­bauteile), Titanium und Nickel. West­liche Sank­tio­nen und russische Export­restrik­tio­nen ver­schärften be­stehende Eng­pässe er­neut.

Gleichzeitig zog der Krieg Energie in den Mittel­punkt. Europas Ab­hängig­keit von russi­schem Gas erwies sich als strate­gische Schwach­stelle ersten Ranges. Der Schock trieb Energie­preise auf Rekord­niveaus, was wiederum energie­intensive Indus­trien - Chemie, Alumi­nium, Stahl, Glas - in die Krise stürz­te und er­neut Liefer­ketten de­stabili­sierte.

Die Lage heute (2025/2026)

Die aktuellen Lieferketten­probleme sind weniger akut als auf dem Höhe­punkt der Pandemie, aber die struktu­rellen Spannun­gen haben sich nicht aufge­löst - sie haben sich teil­weise sogar ver­schärft.

Die geopolitische Fragmentierung schrei­tet voran. Der Konflikt zwi­schen den USA und China um Tech­nologie­führer­schaft führt zu Export­restrik­tio­nen bei Halb­leitern und Ferti­gungs­maschinen, zu Gegen­maß­nahmen Chinas bei Seltenen Erden und Gallium, und zu einer schritt­weisen Entkopp­lung industriel­ler Liefer­ketten. Das Konzept des *Decoupling* oder zu­mindest des *De-risking* - der Reduzie­rung ein­seiti­ger Ab­hängig­kei­ten von China - hat poli­tisch wie wirt­schaft­lich Fahrt auf­genom­men.

Die Rote-Meer-Krise seit Ende 2023 zeigte erneut die Vulnerabi­li­tät globaler See­routen. Huthi-Angriffe auf Handels­schiffe zwangen Reedereien, den Weg um das Kap der Guten Hoff­nung zu nehmen - eine Um­leitung, die Fahr­zeiten um Wochen ver­längert und Kosten er­höht. Branchen, die auf pünkt­liche Liefe­run­gen an­gewie­sen sind, spürten die Folgen sofort.

Dazu kommen Klimafolgen: Der niedrige Wasser­stand im Panama­kanal infolge von Dürre zwang 2023/2024 zu er­heb­li­chen Kapazi­täts­reduktio­nen, was die ohnehin ange­spannten See­routen weiter be­lastete.

Was kann man gegen Lieferketten­probleme tun?

Die Antworten auf diese Frage bewegen sich auf verschiedenen Ebenen - Unter­neh­men, Staaten und inter­natio­nale Gemein­schaft müssen unter­schied­liche, aber sich er­gän­zende Strate­gien ver­folgen.

Auf Unternehmensebene

Diversifizierung der Lieferantenbasis ist das grund­legends­te Mittel. Wer für eine kri­tische Kompo­nente nur einen einzi­gen Lieferan­ten hat, ist er­pressbar - durch Natur­katastro­phen, Streiks, Insolven­zen oder poli­tische Ent­schei­dungen. Mehrere Lieferan­ten aus ver­schiede­nen Regio­nen erhöhen die Resilienz er­heblich, kosten aber mehr und er­fordern Management­aufwand.

Strategische Lagerhaltung kehrt teil­weise zur Logik der Vor­pandemie-Ära zurück. Just-in-Time bleibt für viele Güter sinn­voll, aber für kri­tische Komponen­ten und strate­gische Materia­lien führt die Praxis der Minimal­bestände zu in­akzepta­blen Risiken. Die Balance zwi­schen Effizienz und Resilienz muss neu kali­briert werden - ein Ansatz, den manche als *Just-in-Case* bezeichnen.

Transparenz in der Liefer­kette ist eine Voraus­set­zung für Resilienz. Viele Unter­neh­men wissen nicht, wer ihre Zu­lieferer zweiter oder dritter Ord­nung sind - also die Zuliefe­rer der Zu­liefe­rer. Erst wenn ein Problem auf­tritt, stellt sich heraus, dass eine kri­tische Komponente letzt­lich von einem einzi­gen Produ­zenten stammt. Moderne Liefer­ketten-Management­systeme und digitale Transparenz­platt­formen helfen, diese blinden Flecken zu be­seiti­gen.

Nearshoring und Reshoring - die Verlage­rung von Produk­tion in geo­grafisch nähere Regio­nen oder zurück ins Inland - redu­ziert Transport­risiken und Ab­hängig­kei­ten von geopoli­tisch in­stabi­len Regio­nen. Viele europäi­sche Unter­neh­men haben be­gonnen, Teile ihrer Wert­schöpfung aus China nach Mittel- und Ost­europa, Nord­afrika oder in die EU zurück­zuverlagern. Die Kosten steigen, die Resilienz auch.

Langfristige Verträge statt kurzfristiger Ausschreibungen sichern Kapazitä­ten und schaf­fen Plan­bar­keit - für beide Seiten. Gerade bei kri­ti­schen Roh­stoffen oder Spezial­komponen­ten ermög­li­chen lang­fristige Partner­schaf­ten Investi­tio­nen in Kapazi­täten, die unter reinen Markt­bedin­gun­gen nicht ge­tätigt würden.

Digitalisie­rung und Predictive Analytics können Stö­run­gen früher er­kennen und schnel­lere Reak­tio­nen er­mögli­chen. KI-gestützte Systeme analysie­ren Risiko­variablen - Wetter­daten, Nach­richten­lagen, Hafen­auslas­tun­gen, poli­tische Ent­wick­lun­gen - und geben Früh­warnun­gen, bevor ein Problem die Produk­tion trifft.

Auf staat­li­cher Ebene

Industriepoli­tik für kri­tische Sektoren er­lebt eine Renais­sance. Der amerika­nische *CHIPS and Science Act* (2022), der über 50 Milliar­den Dollar für den Aufbau heimi­scher Halb­leiter­ferti­gung bereit­stellt, ist das prominen­teste Beispiel. Der europäi­sche *EU Chips Act* folgt ähn­li­cher Logik. Das Ziel ist nicht absolu­te Autar­kie, sondern ein aus­reichen­der Sockel heimi­scher Produk­tions­kapazi­täten, um im Krisen­fall handlungs­fähig zu bleiben.

Strategische Rohstoffreserven sind ein klassi­sches Instru­ment staat­li­cher Vor­sorge, das neu be­wertet wird. Die USA halten histo­risch Öl­reserven (*Strategic Petroleum Reserve*), aber ähn­liche Ansätze für Seltene Erden, Halb­leiter oder pharma­zeu­tische Wirk­stoffe sind im Auf­bau oder in der Diskus­sion.

Exportkontrolle und Screening von Investi­tionen dienen dazu, strate­gische Ab­hängig­kei­ten nicht weiter zu ver­tiefen. Deutsch­land hat das Außen­wirt­schafts­gesetz ver­schärft, die EU hat Instru­mente zur Über­prüfung aus­ländi­scher Direkt­investi­tio­nen aus­gebaut.

Lieferketten­transparenz­gesetze ver­pflich­ten Unter­neh­men, ihre Liefer­ketten auf Menschen­rechts­verlet­zun­gen und ökolo­gische Standards zu prüfen. Das deut­sche Liefer­ketten-Sorg­falts­pflichten­gesetz (2023) und die EU-Liefer­ketten­richt­linie sind Schritte in diese Rich­tung - sie er­höhen gleich­zeitig die Kennt­nis über die eigene Liefer­kette.

Auf internationaler Ebene

Multilaterale Handelsabkommen mit robus­ten Regeln für Export­verbote in Krisen­zeiten könn­ten ver­hindern, dass Länder in der Krise zu nationa­lis­ti­schen Reflexen grei­fen, die das Problem welt­weit ver­schlimmern. Die WTO hat hier er­heb­liche Glaub­würdig­keits­probleme, die Reform dieser Institu­tion bleibt eine Dauer­aufgabe.

Gleichgesinnte Partnerschaf­ten - Zusammen­schlüsse von Ländern mit ähn­li­chen Werten und Interes­sen für kri­tische Ver­sorgungs­ketten - gewinnen an Be­deu­tung. Die G7-Initia­tive zur Resilienz kri­ti­scher Liefer­ketten, Halb­leiter­koopera­tio­nen zwi­schen den USA, Japan, den Nieder­landen und Süd­korea oder der EU-Initia­tive für kri­tische Roh­stoffe (*Critical Raw Materials Act*) sind Beispiele für diese Logik.

Fazit: Das Ende der naiven Globalisierung

Liefer­kettenprobleme sind kein vorüber­gehendes Phänomen, das nach einer Krise wieder ver­schwindet. Sie sind Aus­druck einer grund­legenden Spannung zwi­schen wirt­schaft­li­cher Effizienz und strate­gi­scher Resilienz - einer Spannung, die durch Jahr­zehnte des Ver­trauens in stabile globale Strukturen zugunsten der Effizienz auf­gelöst wurde, mit dem Er­gebnis fragi­ler Systeme.

Die Covid-19-Pandemie, der Ukrainekrieg, die Halb­leiter­krise und die zu­nehmende geo­poli­tische Rivali­tät zwi­schen China und dem Westen haben diese Fragili­tät schonungs­los offen­gelegt. Die Ant­wort darauf ist keine De-Globali­sie­rung, sondern eine *smarte Globali­sierung*: bewusste­re Ent­scheidun­gen über Ab­hängig­kei­ten, klügere Abwä­gun­gen zwi­schen Kosten und Risiken, mehr Trans­parenz in komplexen Netz­werken und ein poli­ti­sches Bekennt­nis dazu, be­stimmte strate­gi­sche Kapazi­tä­ten auch dann im eigenen Land oder in der eigenen Allianz zu halten, wenn es kurz­fristig teurer ist.

Das ist keine Rückkehr zum Protektio­nis­mus. Es ist das Ende einer Epoche, in der man glaubte, globale Märkte seien per se stabil. Die nächs­te Krise kommt - die Frage ist, wie gut vor­berei­tet die Liefer­ketten dann sind.


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