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2021: Havarie im Suezkanal

Eine kurze Blockade mit globalen Folgen

Am 23. März 2021 geschah etwas, das auf den ersten Blick wie ein lokales nau­ti­sches Problem wirkte: Ein einzel­nes Container­schiff strandete in einem Kanal in Ägypten. Sechs Tage später war es wieder frei. Doch in diesen sechs Tagen hatte der Vor­fall die Welt daran erin­nert, wie fragil das komplexe Geflecht des globa­len Handels tatsäch­lich ist. Die Ever Given und die Blockade des Suez­kanals wurden zum Symbol einer Welt­wirt­schaft, die auf Effi­zienz opti­miert, aber nicht auf Wider­stands­fähig­keit aus­gelegt ist. Dieser Auf­satz be­leuch­tet den Her­gang des Vor­falls, seine un­mittel­baren und mittel­baren Aus­wirkun­gen auf die globa­len Liefer­ketten und zieht Schlüsse über die struk­tu­rellen Schwächen und not­wendigen Re­formen der wirt­schaft­li­chen Resilienz.

Der Suez­kanal als Arterie des Welthandels

Um die Tragweite des Vorfalls zu ver­stehen, muss man zu­nächst die Be­deu­tung des Suez­kanals für den globa­len Waren­verkehr be­greifen. Der 1869 er­öffne­te Kanal ver­bindet das Mittel­meer mit dem Roten Meer und schafft damit eine direkte Wasser­straße zwi­schen Europa und Asien. Ohne ihn müss­ten Schiffe den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung an der Süd­spitze Afrikas nehmen - eine Route, die je nach Aus­gangs­punkt zwi­schen 7 und 14 zusätz­liche Tage Fahrt­zeit be­deutet.

Durch den Suezkanal fließen täg­lich Güter im Wert von rund 9 Milliar­den US-Dollar. Etwa 12% bis 15% des ge­samten Welt­handels und rund 30% des globa­len Container­verkehrs passie­ren diese ägyp­tische Wasser­straße. Täg­lich durch­fahren ihn im Durch­schnitt 50 Schiffe, darunter Öl­tanker, Flüssiggas­tanker, Massen­gutfrachter und - in zu­nehmendem Maße - die so­genann­ten Mega­carrier, also Container­schiffe von enormen Aus­maßen. Der Kanal ist damit nicht nur eine geo­grafische Ab­kürzung, sondern eine der kritischs­ten Infra­struk­turen der Welt­wirt­schaft.

Ein Schiff der Superlative

Die Ever Given selbst ist ein anschau­li­ches Beispiel für den Trend zu immer größe­ren Container­schiffen. Mit einer Länge von fast vier­hundert Metern und einer Breite von fast 60 Metern ge­hört sie zur so­genann­ten Ultra-Large-Container-Vessel-Klasse (ULCV). Sie kann über 20.000 Standard­container (TEU) transpor­tieren. Zum Vergleich: Ein typisches Container­schiff der frühen 2000er Jahre fasste etwa 5.000 TEU. Die Logik hinter diesem Trend ist betriebs­wirt­schaft­lich ein­leuch­tend: Je größer das Schiff, desto günsti­ger der Trans­port pro Container. Skalen­effekte senken die Kosten und ermög­li­chen die günsti­gen Preise, an die sich der globale Handel ge­wöhnt hat.

Doch diese Giganten haben auch Nachteile. Sie sind schwerer zu manövrie­ren, reagie­ren träger auf Steuer- und An­triebs­befehle und sind in engen Durch­fahrten anfäl­li­ger für äußere Ein­flüsse wie Wind und Strömung. Der Suez­kanal, obwohl in den ver­gangenen Jahr­zehnten mehr­fach er­weitert, ist für diese Dimensio­nen eine enge Angelegen­heit - beson­ders in seinem süd­lichen, ein­spuri­gen Ab­schnitt, dem Großen Bittersee aus­genom­men.

Hergang der Havarie

In den frühen Morgenstunden des 23. März 2021 durch­fuhr die Ever Given den süd­li­chen Teil des Suez­kanals in Rich­tung Norden, von der Meer­enge Bab al-Mandab kommend. Die Wetter­bedin­gun­gen waren un­güns­tig: Ein Sand­sturm reduzierte die Sicht er­heb­lich, und starke Windböen - mit Geschwindig­kei­ten von bis zu 70 km/h - wirkten auf den gewalti­gen Rumpf des Schiffes ein. Wie ein Segel fing die hohe Bord­wand den Wind auf. Das Schiff be­gann, von seiner ge­plan­ten Route ab­zuweichen.

Trotz der Bemühungen der Besat­zung und der an Bord befind­li­chen Lotsen - deren Anwesen­heit beim Kanal­passage obliga­torisch ist - verlor man die Kon­trolle über den Kurs. Um 7:40 Uhr Orts­zeit stieß die Ever Given mit ihrem Bug in die öst­liche Ufer­böschung. Der Heck schwang auf die west­liche Seite. Das Schiff lag quer, und der Kanal war voll­ständig blockiert.

Die genauen Ursachen sind bis heute nicht ab­schließend ge­klärt. Neben den meteorolo­gi­schen Fakto­ren werden tech­nische Probleme und mög­liche Fehler im Um­gang mit dem Schiff disku­tiert. Die Be­treiber­gesell­schaft und die zu­ständi­gen Behörden haben unter­schied­liche Darstel­lun­gen vor­gelegt, und recht­liche Auseinanderset­zun­gen haben eine voll­stän­dige Aufklä­rung er­schwert.

Sechs Tage, die die Welt bewegten

Die Bergungsarbeiten waren aufwendig. Spezielle Schlepper, Bagger und Taucher­teams wurden ein­ge­setzt. Der Boden muss­te rund um den Bug frei­gebaggert werden. Mehr­fach gab es viel­versprechen­de Berichte über Fort­schritte, die sich dann als nicht aus­reichend er­wiesen. Erst am 29. März 2021, also sechs Tage nach der Havarie, konnte die Ever Given mit Hilfe von Schleppern wieder flott­gemacht und in den Großen Bittersee ge­bracht werden. Der Jubel unter den warten­den Be­satzun­gen, in den sozia­len Medien und in den Börsen­sälen war groß.

Doch die Folgen hatten sich bereits manifes­tiert. An beiden Enden des Kanals hat­ten sich über 400 Schiffe auf­gestaut. Selbst nach der Frei­gabe des Kanals dauer­te es noch Tage, bis der normale Ver­kehrs­fluss wiederhergestellt war. Schiffe, die den Umweg ge­wählt hatten, waren bereits auf dem langen Weg um Afrika und konn­ten ihren Kurs nicht einfach rück­gängig machen. Die Unter­brechung der Liefer­ketten war damit längst tiefer in das System ein­gedrun­gen, als die sechs Tage auf den ersten Blick ver­muten ließen.

Die Anatomie der Lieferkettenstörung

Hier liegt der Kern der eigent­li­chen Frage: Warum führte eine Blockade von nur sechs Tagen zu so weit­reichen­den Pro­blemen? Die Ant­wort liegt in der Struk­tur moder­ner globa­ler Liefer­ketten, die in den ver­gange­nen Jahr­zehnten nach einem einzi­gen dominan­ten Prinzip opti­miert wurden: Just-in-Time.

Das Just-in-Time-Prinzip und seine Grenzen

Das von Toyota in den 1950er Jahren ent­wickelte und in den 1980er und 1990er Jah­ren global ver­breitete Just-in-Time-Prinzip (JIT) zielt darauf ab, Lager­bestände auf ein Minimum zu redu­zieren. Zuliefe­rer liefern Teile und Materia­lien genau dann, wenn sie in der Produk­tion ge­braucht werden - nicht früher, nicht später. Das spart Lager­kosten, bindet weniger Kapital und erhöht die Effi­zienz.

Dieses Prinzip funktioniert hervorragend, solange die Liefer­kette reibungs­los läuft. Es setzt jedoch voraus, dass jedes Glied der Kette zu­verläs­sig und pünkt­lich funktio­niert. Es gibt kaum Puffer, kaum Reserven, kaum alter­native Routen, die ohne Weiteres akti­viert werden können. Wenn ein Glied aus­fällt, über­trägt sich die Stö­rung un­mittel­bar auf alle nach­gelager­ten Glieder.

Netzwerkeffekte und Kaskadenversagen

Moderne Lieferketten sind keine linearen Ketten, sondern komplexe Netz­werke, in denen Tausende von Unter­neh­men mit­einander ver­woben sind. Ein Container­schiff, das von Shanghai nach Rotterdam fährt, trans­portiert möglicher­weise Elek­tronik­komponen­ten für ein deut­sches Auto­mobil­werk, Textilien für einen schwedi­schen Mode­händler, Haushalts­geräte für einen bri­ti­schen Online­versand und Roh­materialien für eine nieder­ländische Chemie­fabrik - alles gleich­zeitig, alles in ver­schiede­nen Containern, alle mit unterschied­li­chen Anschluss­logistik­ketten.

Wenn dieses Schiff sich verspätet, wirkt sich das nicht auf einen Empfän­ger aus, sondern auf Hunder­te. Und jeder dieser Empfän­ger hat seiner­seits nach­gelagerte Ab­nehmer, die auf die Waren warten. Die Stö­rung multipli­ziert sich im Netz­werk, anstatt sich zu ver­teilen.

Die Rolle von Engpass-Infrastruk­turen

Der Suezkanal ist ein klassischer Single-Point-of-Failure: ein einzi­ger Punkt, durch den ein enormer An­teil des globa­len Handels zwingend fließen muss, und für den es keine schnell aktivier­bare Alterna­tive gibt. Die Umrundung Afrikas ist tech­nisch möglich, aber sie kostet Zeit und Geld - und im JIT-System ist Zeit der kritischs­te Faktor.

Solche Engpass­infrastruk­turen sind in der globali­sierten Wirt­schaft weit ver­breitet: der Panama­kanal, die Straße von Malakka, be­stimmte Häfen, Flughäfen und Bahn­knoten­punkte. Sie sind Effizienz­gewinne, weil sie den Ver­kehr bündeln, aber sie sind gleich­zeitig syste­mische Risi­ken, weil ihre Unter­brechung dis­proportio­nale Folgen hat.

Die COVID-19-Verstärkung

Der Vorfall ereignete sich zu einem denk­bar un­günsti­gen Zeit­punkt. Die COVID-19-Pandemie hatte seit über einem Jahr die globa­len Liefer­ketten unter extremen Stress ge­setzt. Häfen waren über­lastet, weil Schiffe un­koordi­niert ein­trafen und Personal fehlte. Container be­fanden sich an den falschen Orten der Welt. Die Nach­frage nach be­stimm­ten Gütern - Elektronik, Heim­aus­stattung, medizi­nische Produkte - war explo­diert, während die Kapazi­täten stag­niert hatten.

In dieses bereits fragile System traf die Blockade des Suez­kanals wie ein weite­rer Schlag. Unter­neh­men, die ohnehin kaum Puffer hatten, sahen ihre Ver­sor­gung weiter ge­fährdet. Fracht­preise, die schon pandemie­bedingt stark ge­stie­gen waren, stiegen weiter. Die Ever-Given-Havarie war nicht die Ursache der Liefer­ketten­krise von 2021, aber sie war ein an­schau­li­cher Kataly­sator, der die be­stehen­den Schwach­stellen schonungs­los offen­barte.

Wirt­schaft­liche Folgen im Detail

Die unmittelbaren wirt­schaft­li­chen Schäden des Vor­falls wurden unter­schied­lich be­ziffert, lagen aber in einer Größen­ordnung von mehre­ren Milliar­den US-Dollar täg­lich für die gesamte blockier­te Handels­route. Die ägyp­tische Suez­kanal­behörde selbst verlor durch aus­gebliebene Durch­fahrts­gebühren schätzungs­weise 14 bis 15 Millio­nen US-Dollar pro Tag.

Für einzelne Branchen war der Schaden spür­bar. Die Auto­mobil-Industrie, die beson­ders stark auf JIT-Liefer­ketten setzt, melde­te Produk­tions­störun­gen. Die Konsum­güter­indus­trie kämpfte mit Liefer­engpässen bei Elek­tronik und Haus­halts­gerä­ten. Im Energie­sektor stiegen die Öl­preise kurz­fristig, da mehrere Tanker im Stau fest­steck­ten. Die Agrar­branche ver­zeich­nete Ver­zöge­run­gen bei Dünge­mittel-Lieferun­gen, was für saison­abhängige Land­wirt­schaft beson­ders problema­tisch war.

Langfristig beschleunigte der Vorfall einen An­stieg der Ver­sicherungs­prämien für See­fracht­versiche­run­gen und führte zu einer ver­stärk­ten Diskus­sion über die Not­wendig­keit, Risiko­manage­ment in Liefer­ketten stärker zu ge­wichten.

Rückschlüsse auf wirt­schaft­liche Resilienz

Der Fall der Ever Given liefert eine Reihe von Lehren für die Frage, wie wirt­schaft­liche Resilienz gestal­tet werden kann und sollte.

Resilienz vs. Effizienz: Ein fundamentaler Zielkonflikt

Das erste und grundlegendste Fazit ist, dass Resilienz und maximale Effi­zienz in einem Spannungs­verhält­nis stehen. Resilienz kostet etwas: Sie er­fordert Redundan­zen, Puffer, Lager­bestände und Alternativ­routen - alles Dinge, die aus rein betriebs­wirt­schaft­li­cher Sicht Kapital binden und Kosten ver­ursachen, ohne im Normal­fall einen direkten Nutzen zu liefern. In einer Welt maxima­len Wett­bewerbs und kurz­fristi­ger Rendite-Erwar­tun­gen haben Unter­neh­men daher systema­tisch Resilienz zu­gunsten von Effi­zienz ge­opfert.

Die Pandemie und die Ever-Given-Havarie haben ge­zeigt, dass diese Ent­schei­dung einen ver­steck­ten Preis hat: Im Falle einer Stö­rung sind die Kosten des System­versagens oft höher als die Erspar­nisse aus jahre­langer Effizienz­optimie­rung.

Die Notwendigkeit von strategischen Lagerbeständen

Eine direkte Konsequenz ist die Wiederbewer­tung von Lager­beständen. Das Modell des „Just-in-Time“ muss nicht voll­stän­dig auf­gegeben werden, aber für kri­tische Güter und Roh­stoffe - also solche, bei deren Ausfall die Produk­tion oder Versor­gung zusam­men­bricht - braucht es strate­gische Puffer­lager. Viele Unter­neh­men haben nach 2021 begonnen, ihr Lager­konzept in Rich­tung „Just-in-Case“ zu ver­schieben, also be­wusst mehr Vor­räte zu halten.

Diversifikation von Lieferketten und Produktions­standorten

Die Abhängigkeit von einzelnen Lieferan­ten, Produk­tions­stand­orten oder Regio­nen ist ein struktu­relles Risiko. Die Konzen­tra­tion eines Groß­teils der globa­len Fertigungs­kapazitä­ten in Asien - insbeson­dere in China - hat enorme Kosten­vorteile ge­bracht, aber auch enorme geo­poli­tische und logis­tische Risiken ge­schaffen. Die Schlag­worte „Nearshoring“ (Verlage­rung in geo­graphisch nähere Länder) und „Friendshoring“ (Verlage­rung in poli­tisch be­freunde­te Länder) haben nach 2021 und ver­stärkt nach dem russischen An­griff auf die Ukraine an Bedeu­tung ge­wonnen. Regie­run­gen und Unter­neh­men denken stärker darüber nach, kri­tische Produk­tio­nen regio­nal zu ver­ankern, auch wenn dies Kosten­erhöhun­gen mit sich bringt.

Transparenz und Digitalisierung der Lieferkette

Ein weiteres strukturelles Problem, das die Ever-Given-Krise offen­barte, ist die mangelnde Transpa­renz in komplexen Liefer­netzwerken. Viele Unter­neh­men wuss­ten nicht genau, wie viele Stufen ihre Liefer­kette hatte und wo die kri­ti­schen Ab­hängig­kei­ten lagen. Nur wer seine Liefer­kette kennt, kann sie schüt­zen. Digitale Lösun­gen - Echtzeit-Tracking, KI-basierte Risiko­modelle, Blockchain-gestützte Trans­parenz - sind Werk­zeuge, die Unter­neh­men helfen können, Stö­run­gen früher zu er­kennen und schneller auf Alter­nativen um­zusteigen.

Infrastrukturresilienz als geopolitische Aufgabe

Für Staaten und supranationale Organisa­tio­nen zieht der Vor­fall eine andere Lehre: Kri­tische Infra­struk­turen wie der Suez­kanal, der Panama­kanal oder wichtige Meer­engen sind nicht nur wirt­schaft­liche, sondern auch geopoli­tische Ressour­cen, deren Sicher­heit und Resilienz poli­tische Aufmerksam­keit ver­dienen. Die Frage, wie diese Eng­pässe gegen Unfälle, aber auch gegen ge­zielte Sabotage oder geopoli­ti­sche Konflik­te ge­schützt werden können, ist in den ver­gange­nen Jah­ren drängen­der ge­worden - nicht zu­letzt durch Angriffe auf Handels­schiffe im Roten Meer, die den Suez­kanal ab Ende 2023 erneut stark be­laste­ten.

Das systemische Denken als Kompetenz

Schließlich zeigt der Vorfall, wie wichtig systemi­sches Denken für Wirt­schaft und Poli­tik ist. Einzelne Ereig­nisse, die isoliert be­trach­tet klein er­schei­nen, können in ver­netz­ten Syste­men dis­propor­tional große Wirkun­gen ent­falten. Wer Liefer­ketten, Infra­struktur­netze oder wirt­schaft­liche Systeme ge­staltet, muss nicht nur die Normal­funk­tion opti­mieren, sondern die System­architek­tur so ge­stal­ten, dass sie Stö­run­gen absorbie­ren kann, ohne zusammen­zubrechen. Dies ist eine Denk­weise, die in der Wirt­schaft histo­risch unter­repräsen­tiert war und die nun - nicht zuletzt durch die Lehren aus der Ever Given - stärker in den Vorder­grund rückt.

Was danach geschah

Die Ever Given wurde nach ihrer Freigabe im Großen Bittersee fest­gehal­ten, weil die ägyp­ti­schen Behörden Schadens­ersatz­forde­run­gen in Milliarden­höhe geltend mach­ten. Das Schiff und seine Ladung blieben monate­lang in ägyp­ti­schen Gewässern, bis im Juli 2021 eine außer­gericht­liche Eini­gung er­zielt wurde. Die genauen Bedin­gun­gen wurden nicht öffent­lich ge­macht, doch das Schiff konnte schließ­lich seine Reise fort­setzen.

Interessanterweise kehrte die Ever Given wenige Monate später tatsäch­lich wieder für eine reguläre Passage in den Suez­kanal zurück - ein Bild, das nicht ohne eine gewisse Ironie ist.

Die Havarie der Ever Given war eine seltene, aber nicht un­vorher­sehbare Stö­rung eines Systems, das auf Effi­zienz, nicht auf Sicher­heit ausgelegt war. Dass sechs Tage Blockade eines einzi­gen Kanals globale Liefer­ketten über Wochen und Monate hinweg be­einträch­tigen konn­ten, ist kein Zufall und kein Pech - es ist die logische Konse­quenz von Jahr­zehnten systema­ti­scher Optimie­rung auf Kosten von Puffern, Redundan­zen und Diversi­fika­tion.

Die Lehre, die daraus zu ziehen ist, lautet nicht, dass globa­ler Handel falsch oder Effi­zienz ver­werf­lich ist. Sie lautet, dass ein System, das keine Fehler machen darf, um zu funktio­nieren, kein nach­haltiges System ist. Wirt­schaft­liche Resilienz be­deutet, die Kosten von Stö­run­gen in das System ein­zupreisen, bevor sie ein­treten - in Form von Lager­puffern, alter­nati­ven Routen, diversi­fi­zierten Liefer­ketten und trans­paren­ten Netz­werken. Das ist teurer als maxi­male Effi­zienz. Aber wie die Ever Given gezeigt hat, ist es billi­ger als das Gegen­teil.


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